Jakobsmuscheln mit spanischer Blutwurst und Apfel-Rosmarin Butter

Goldener Oktober. Ich komme zurück von der Frankfurter Buchmesse, bin geflutet mit Glückshormonen ob meiner Buchpräsentation dabei völlig durch den Wind, weil die Nächte sehr kurz waren und München empfängt mich mit einem strahlend blauen Himmel und angenehmen Temperaturen. Noch immer stehen die Kisten mit den unausgepackten Küchensachen im Weg rum. Eingekauft hatte ich nichts. Die neue Küche gibt sich davon unbeeindruckt. „Mir doch egal, ob du nun kochst, oder ob ich nur hübsch aussehen soll“, denkt sie vermutlich, wenn sie denn denken könnte.
Anstatt mich den Kisten zu widmen, fahre ich auf den Viktualienmarkt. Touristenscharen drängen sich vor den Ständen, überall nur Zuschauer. Ich will spanische Blutwurst und Jakobsmuscheln. Am Fischstand herrscht Ausnahmezustand. Bei diesem Wetter will jeder seine Austern in der Sonne schlürfen. Also jeder außer mir zumindest.
Bei den spanischen Delikatessen sieht es glücklicherweise besser aus. Hier kaufe ich immer meine würzige Morcilla, die es in Spanien traditionell immer im Herbst zur Schlachtzeit gibt. Hier gibt es sie das ganze Jahr über.

Und wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich auch gleich noch in den Küchenladen und einen Topf kaufen, denn seit ich auf Induktion umgestellt habe, kann ich die Hälfte meiner Töpfe aussortieren. Das ist bitter. Ich und meine Töpfe, wir pflegen eine wirklich innige und schon lange währende Zuneigung für einander. Und mit diesen Unterlege-Platten will ich gar nicht erst anfangen. Also ein neuer Suppentopf muss her!
Den brauche ich zwar nicht unbedingt für meine spanische Blutwurst, aber für die Seele.
Und ich kaufe Äpfel, kleine aromatisch-saure Äpfel. Die auf dem Markt zu kaufen ist wirklich wunderbar, denn die Auswahl ist riesig. Und wenn nicht jetzt, wann dann sollte man Äpfel kaufen?
Noch sind die Küchenschränke nicht optimal eingeräumt und ich tue mich immer ein wenig schwer mit Veränderungen, aber dann ist es einfach wunderbar, wieder eine funktionierende Küche zu haben, die Blutwurst scharf anzubraten und die Äpfel mit Butter, Weißwein und Rosmarin zu dünsten. Es duftet. Ich bin wieder daheim!

Für Zwei
2 frische Morcilla Würste (spanische Blutwurst, welche kräftiger gewürzt ist als die Deutsche)
6 – 10 Jakobsmuscheln, je nach Größe
1 EL Butter

3 faustgroße aromatische Äpfel
1 Granny Smith Apfel
50 ml Riesling
2 Zweige Rosmarin
Meersalz
2 EL Butter

Broccolini (chinesischer Broccoli), etwa 4 Stängel (alternativ jungen Mangold oder Spinat), gedünstet
etwas Shiso Kresse für die Dekoration

Die Äpfel schälen und in Spalten schneiden. In einem Topf die Butter schmelzen lassen, die Apfelschnitze dazugeben, umrühren und etwa 1 Minute braten. Den Riesling und die Rosmarin Zweige dazugeben und bei geschlossenem Deckel etwa 10 Minuten weich dünsten. Eine gute Prise Meersalz dazugeben, den Rosmarin entfernen und mit dem Pürierstab glatt pürieren. Eventuell ist es notwendig vorher ein wenig der Flüssigkeit abzugießen, damit die Sauce nicht zu wässrig wird.

Die Morcilla Würste leicht diagonal in dicke Scheiben schneiden. In einer Pfanne ohne zusätzliches Fett von jeder Seite anbraten. Warmstellen.

Die Pfanne ausreiben und die Butter aufschäumen lassen. Erst wenn die Butter eine leichte Bräunung annimmt die Jakobsmuscheln in die Pfanne geben und von jeder Seite nur etwa 30 Sekunden anbraten. Mit Meersalz bestreuen.

Die Blutwurst auf Tellern anrichten, mit den Jakobsmuscheln belegen, den gedünsteten Broccolini und die Apfel-Butter Sauce dazu reichen. Mit Shisokresse-Blättchen bestreuen.

· 0 Kommentare ·

Tagged: , , ,

in aus Meer und Fluß, Herbst, mit Fleisch, nach Saison, Rezepte

Spätsommer auf Bornhom [#2] – die besten Restaurants der Insel

Kaum etwas hat in der kulinarischen Szene in den letzten Jahren so eingeschlagen wie die nordische Küche. Alles was nördlich des 54. Breitengrads gekocht wurde, fand begeisterte Anhänger und die neuen Gallionsfiguren angeführt von René Redzepi und Magnus Nilsson eroberten unsere Küchen. Die wunderbare Keramik dazu brachten sie gleich mit.
Im Juni wurde ich bereits nach Bornholm zum „Sol over Gudhjem“ (das ist der Name des Bornholmer „National Gerichts“ bestehend aus Hering und Ei) eingeladen, einem Wettbewerb, wo die besten Köche der Insel gegeneinander antreten. Das tun sie jedes Jahr um diese Zeit. Ich hätte alles stehen und liegen lassen, aber ich war schon anderweitig unterwegs. Ich hatte wenig Vorstellung von der Insel und dass ich mich in sie verlieben würde, war zu dem Zeitpunkt noch völlig offen.
An meinem ersten Abend, als der Sturm sich langsam beruhigte, war es die kuschlige Stammershalle, die mich auf die herrliche Küche einstimmte. Fast eine Stunde lang habe ich mich mit dem Küchenchef Mathias Sørensen unterhalten. Über die Insel, über die besten Räuchereien, wo man unbedingt hingehen sollte, warum man dem besten Metzger der Insel unbedingt einen Besuch abstatten sollte und was die Besonderheit von Bornholmer Aquavit ist. Ich lobte seine Zwiebelsuppe. Ganz ehrlich, ich kann mich überhaupt nicht erinnern, jemals eine so tolle Zwiebelsuppe gegessen zu haben. Zwiebelsuppe klingt ja jetzt nicht nach kulinarischem Olymp, aber was Sørensen hier geboten hat, war schlichtweg eine Sensation. Und der Inselfunk funktionierte ausgezeichnet. Als ich am nächsten Tag beim Metzger stand, wusste der schon wer ich bin, führte mich durch seine Kühlhallen und gab mir seinen besten Schinken zu probieren.
Und wieder ist es so, wie ich es schon in Norwegen erlebt habe. Wer gut essen gehen will und sich für die lokale Küche entscheidet, der wird mit moderaten Preisen und vorzüglichem Essen belohnt, wer glaubt, dass es auch eine Pizza tut, der darf bluten. Wer einen hinreißenden Kräuterhering, frisch aus dem Rauch bestellt, darf schwelgen. Alle anderen dürfen sich nicht beschweren, wenn es nur Mittelmaß ist.

Stammershalle

Zum Auftakt gibt es Tatar im Markknochen, etwas eingemachte Melone mit Yuzu und selbstgemachten Krupuk mit Dillschmand. Das lässt schon erahnen, dass hier der Bogen über die nordische Küche hinaus gespannt wird. Sørensen macht das mit Fingerspitzengefühl. Hier eine exotische Komponente um gleich danach wieder im eigenen Garten zu landen. Seine Zwiebelsuppe wird mir unvergesslich bleiben. Eine kräftige, sehr würzige Brühe mit einem Hauch Zitronenthymian und vier verschiedene Zwiebelzubereitungen – gepickelt, gegrillt, frittiert im Knusperteig und gekocht. Ich war glücklich mit dieser Suppe. Auch sein Steinbutt mit Zitronen Anis Sauce war ein Gang, wo man es bedauert, dass der Teller so schnell ist. Nach einem knusprigen Apfelschwein musste ich aber die Waffen strecken, immer auf der Zielgeraden zum Dessert geht mir die Luft aus. Lieber einen Schnaps? Ja unbedingt.
Allein für das angenehme Ambiente würde ich gerne wieder herkommen.

Das Apfelschwein mit Topinambur Püree, Tatar und die fabelhafte Zwiebelsuppe

Nordlandet

Eigentlich wollte ich das sein lassen, das mit den vielen Kohlhydraten am Abend. Doch ich bin machtlos, als vor mir ein Teller mit frischen Dinkelfladen hingestellt wird und dazu ein wenig salzige Butter mit Pilzpuder. Einfach so. Der verführerische Duft windet sich ins Hirn, ich werde schwach. Dann gibt es einen „quasi halb und halb“ Tatar, halb roh und halb gebraten, mit würzigem Comte Käse, Radicchio und Kresse. Ich sitze direkt am Fenster und während sich neben mir der Himmel in Karmesin-Orange-Tiefblau einfärbt, genieße ich ein Glas vorzüglichen Weißwein. Dann gibt es Seehecht mit Dillöl und Meerrettich-Kartoffelschaum, gefolgt von sauer eingelegtem Gemüse mit Zwiebel-Ceviche, Steinbutt und Trüffeln. Eine sehr gelungene Kombination von Casper Sundin, der jedoch nicht mehr lange da sein wird. Er geht aus privaten Gründen zurück nach Copenhagen. Die Nachfolge steht bereits fest und ist vielversprechend. Anne Bruun Jessen wird das Ruder übernehmen. Diesmal schaffe ich es auch bis zum Dessert. Eine Sabayon mit frischen Beeren. Schnaps gibt es keinen heute (auch mal gut).

Kartoffelschaum mit Dillöl und Meerrettich, Beeren und Sabayon, Rote Bete mit rohem und gebratenem Fleisch, Seehecht mit Broccolini und Aussicht.

Molen

Der Hafen, wo man das Restaurant findet, hat einen ganz besonderen Industrie-Charme. Romantik ist hier eher nicht angesagt und doch ist es eine aufregende Szenerie. Sitzt man im Restaurant Molen, kann man alles ein wenig von oben betrachten. Hier ist es klein und fein und wieder kann ich das mit dem „aufs Brot verzichten“ vergessen. Das Brot im Molen ist das Beste der ganzen Insel. Fluffig, würzig und mit sagenhaft guter Krume. Gut, dann eben nur zwei Gänge. Frische Pilze auf Brioche mit Schinken (vom besten Inselmetzger Hallegård natürlich). Dann eine Bisque mit Kabeljau, frischem Estragon und Yams. Dazu ein Elsässer Auxerrois. Ich bin glücklich. Der junge Mann im Service ist irritiert, dass ich das Dessert ablehne. Ich schaffe es nicht. Und Schnaps auch nicht. Geradezu vorbildlich (nachher tut es mir dann doch leid, aber da war ich schon wieder auf der anderen Seite der Insel).

Waldpilze auf Brioche mit Schinken vom besten Metzger und eine Bisque mit Estragon und Kabeljau – und das beste Brot der Insel

Kadeau

Dem kulinarischen Hightlight meiner Reise gebührt natürlich der letzte Abend. Kadeau, der ehemalige Kiosk, der auf einer Düne über dem Meer thront, hat einen Michelin Stern. Eindrucksvoller habe ich selten gespeist – vor mir färben sich die Wolken über der Ostsee, die untergehende Sonne taucht alles in ein magisches Licht und ich bin früh genug da, um auch ja alles festzuhalten. Ich darf in die Küche, in den Kühlraum, wo die ganzen eingemachten Blüten, Knospen und Gemüse stehen, darf in den Kräutergarten und darf den Köchen dabei zuschauen, wie sie Kunstwerke aus Kräutern und Blüten auf den Tellern arrangieren. Es ist fast zuviel für die Sinne. Diese unglaubliche Lage, das Menü und den spannenden Kontrast aus alkoholischer und nicht-alkoholischer Weinbegleitung. Noch eine Woche lang hat man geöffnet, dann schließt das Kadeau bis zur nächsten Saison. Wer dann Nicolai Nørregaards Küche kosten möchte, muss nach Copenhagen ins Schwester-Restaurant. Das Geschirr hier ist vom berühmtesten Keramikmacher der Insel – LoviListed, jene kleine Keramikschmiede, über die schon die New York Times ihr Lob ausgeschüttet hat. Die Teller und Schüsseln sind natürlich exklusiv und ich beobachte, dass um mich herum immer mal wieder ein Teller hochgehoben wird um zu prüfen, wer diesen wohl gemacht hat. Ich kenne den Töpfer, ich habe ihn besucht. Dazu werde ich noch mehr schreiben.
13 Gänge werden es an diesem Abend, das große Menü. Die letzte Apfelrose und die Beeren esse ich in tiefschwarzer Nacht. Dieser Ort kombiniert das Magische mit dem Geerdeten, es gibt Kohl, Kohlrabi und Kürbis in Perfektion. Rotholz-Ameisen zu Hagebutten Mousse und wohlschmeckenden Wirsing zu Muschelpulver. Wohlgemerkt – ich esse sogar die Auster, die mit Sauerkraut und Johannisbeerblättern serviert wird. Ich mag keine Austern. Die hier mochte ich. Ich mochte alles an diesem Abend, den perfekten und lockeren Service, den Wein, die komponierten Säfte und sogar die winzigen, baltischen Garnelen, die man im Ganzen isst. Jeder sollte seinen letzten Abend auf Bornholm genau so verbringen.

Und draußen das Meer…

Inside Kadeau. Selbst über der Garderobe stehen Gläser mit Fermentiertem

und so zwischendurch

Klaus war zurückhaltend was den Salzhering anging, das sei nicht jedermanns Sache, meinte er. Aber wenn, dann sei er hier am besten. Klaus ist mein Guide für einen Tag und er freut sich, denn zum ersten Mal muss er keine Windmühlen und Rundkirchen erklären, sondern schleppt mich von einer Räucherei zur nächsten. Die Dorschbuletten, die musst du auch probieren. Aber sicher, ich werde nicht ohne eine frische Dorschbulette die Insel verlassen. Im Svaneke Bryghus gibt es dann noch zu einem großartigen Bier, welches für die königliche Familie kreiert wurde, einen ganz sensationellen Kräuterhering, bei dem ich mir überlege, ob es jetzt einen maßlosen Eindruck machen würde, wenn ich ihn mir gleich nochmal bestelle.
Mein Fischhändler auf dem Bauernmarkt wird glücklich sein – ich habe meine Liebe zum Räucherfisch entdeckt.

Im nächsten Bericht betrete ich dann absolutes Neuland – ich mache Schokoküsse. Ich besuche den Ursprung eines erfolgreichen Lakritzherstellers und ermutige einen Safthersteller, seinen überragenden Stikkelsbaer (Stachelbeer) Saft nach Deutschland zu bringen. Außerdem treffe ich die wohl leidenschaftlichste Anhängerin des Fermentierens der Insel.
Ich bin noch lange nicht fertig mit dir, Bornholm!

der Kräuterhering im Svaneke Bryghus

Kanelsnegle – Zimtschnecken

Salzhering und Dorschbulette

das „National Gericht“ Bornholms – Hering mit Ei und Zwiebeln

 

Adressen:

Stammershalle Badehotel
Sdr. Strandvej 128
Stammershalle
3760 Gudhjem
Tlf. +45 56 48 42 10
www.stammershalle-badehotel.dk

Räucherei
Gudhjem RØGERI
Åbningstider
Gudhjem 3760
Ejnar Mikkelsensvej 9
+45 56 48 57 08
www.smokedfish.dk/gudhjem

Svaneke Bryghus
Svaneke Torv 5
3740 Svaneke
+45 56 49 73 21
bar@bryghuset-svaneke.dk
www.svanekebryghus.dk

Restaurant Nordlandet

Strandvejen 68
3770 Allinge
+45 56480344
www. hotelnordlandet.com

Kadeau
Baunevej 18
Vestre Sømark
Pedersker
3720 Åkirkeby
+45 56 97 82 50
bornholm@kadeau.dk
www.kadeau.dk

Molen
Havnen 6
3730 Nexø
+45 8887 6733
info@restaurantmolen.dk
www.restaurantmolen.dk

Offenlegung: Die Reise nach Bornholm wurde unterstützt von visitdenmark.de. Vielen Dank dafür. Meine leidenschaftliche Schwärmerei für die Küche der Insel ist nicht käuflich sondern ist meine ganz persönliche, subjektive Meinung.

· 0 Kommentare ·

Tagged: , , , , , , ,

in auswärts essen & events, Bornholm, Dänemark, Europa, kulinarische Reisen

Chicken Teriyaki Don
unter erschwerten Bedingungen

Ein wenig ist es, als wurde mir das Herz herausgerissen. Wenn ich in meiner Küche stehe, hallen meine Schritte anders als gewohnt. Ich habe keine Küchenmöbel mehr. Seit drei Tagen. Und das vor einem langen Wochenende. Alles nicht so schlimm, dachte ich zuerst, doch es ist fürchterlich. Eine einzelne Induktionsplatte thront nun auf der Waschmaschine, der kleine Balkontisch dient zur Ablage von Wasserkocher, Teekanne und einer Tasse. Am Tag nach dem Abbau der Küche stand abends erst einmal alles unter Wasser. Erst als ich den Wasserhahn wieder angeschlossen hatte, der nun traurig von der Wand herunterhängt, wurde die Flutung gestoppt. Noch weitere fünf Tage wird dieser Ausnahmezustand andauern. Ein Zustand, wo der neue Herd eingepackt im Schlafzimmer steht und das Wohnzimmer voller Kisten ist. Immerhin, es gibt einen Kühlschrank. Der steht zwar auch nicht da wo er mal stehen soll, aber ohne ihn wäre alles noch viel schlimmer. Es hat einen Grund, weswegen ich die neue Arbeitshöhe besonders hoch gewählt habe. Derzeit stehe ich gebückt an meinem Balkontisch und mir tut schon der Rücken weh, wenn ich nur eine Scheibe Brot abschneiden muss.
Ich war viel unterwegs in den vergangenen Wochen. Nova Scotia, Bornholm und Mailand, da ist es naheliegend, dass ich mich nach einem gemütlichen Wochenende daheim sehne. Wo ich Samstags schön auf den Markt gehen kann und dann nach Herzenslust in meiner Küche mich austoben kann. Toben kann ich da grad, dabei muss ich allerdings aufpassen, nicht über irgendwelche Schläuche zu stolpern. Wasser gibt es sowie keines, spülen muss ich im Waschbecken des Badezimmers. Macht Laune.
Trotzdem – so ganz ohne Kochen geht es einfach nicht. In meiner Vorstellung kaufe ich ein Suppenhuhn, koche daraus eine kräftige Brühe mit viel Gemüse drin. In meiner Vorstellung ist die Tatsache nicht berücksichtigt, dass ich keinen großen Topf habe, der induktionsfähig ist, dass zum Schnippeln von Gemüse kein Platz ist und die Kochlöffel irgendwo verpackt sind. Beschriften der Kisten ist ja was für Anfänger – ich liebe die Überraschung!
Also bin ich reduziert auf eine Pfanne und einen Reiskocher. Den habe ich in weiser Voraussicht gleich mal im Gang platziert, für den schnellen Zugriff. Nichts ist spannender, als eine Woche lang Reis zu essen. Ich fahre natürlich trotzdem auf den Markt und kaufe anstelle eines Suppenhuhns zwei Hühnerschlegel. Beim Gemüse beschränke ich mich auf einen Zuckerhut, einen Lauch und zwei Möhren. Und ein paar Steinpilze.
Der Kühlschrank ist natürlich bestens bestückt mit allerlei Zutaten für eine Teriyaki Sauce. Es gibt Sake, Mirin, Zucker finde ich bestimmt auch noch irgendwo (welche Kiste war das gleich noch?) und beste Soja Sauce aus Korea. Das ist der erste Streich. Teriyaki Sauce. Sobald die fertig ist, wandern die Hühnerschlegel in die Pfanne und werden mit dem Gemüse gekocht. Eine kräftige Brühe, aber eben nur ein bisschen. Sesam hätte ich gerne noch gehabt, aber der ist unauffindbar. Nachdem ich das Fleisch vom den Schlegeln abgezupft habe, wird die Brühe weiter eingekocht zusammen mit der Hälfte der Teriyaki Sauce. In einer der obersten Kisten finde ich meinen Küchensieb.
Yeah, geht doch!
Ich schneide ein wenig Zuckerhut in hauchfeine Streifen und platziere diese auf dem Reis. Das abgezupfte Hühnerfleisch kommt zurück in die Pfanne. Dort wird es nochmal mit der restlichen Teriyaki Sauce erwärmt, es soll schön glänzen. Geschirr ist glücklicherweise überall zu finden (man braucht ja so seine Fotoaustattung als Foodblogger).
Ich fühle mich heroisch, als ich endlich mit meiner Schüssel auf dem Sofa sitze (der Esstisch ist vollgestellt mit Gläsern) und mein Chicken Teriyaki Don löffle (löffeln ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders aber die Stäbchen sind halt irgendwo in den Kisten vergraben). Abspülen dann wieder im Badezimmer.
Vier Tage noch… ich zähle die Stunden.

die wunderschöne Schale ist von Lovilisted aus Bornholm

Für Zwei

2 Hühnerschlegel
1 Karotte
etwas Lauchgrün
1 TL schwarzer Pfeffer
½ kleiner Zuckerhut oder Chinakohl
1 TL Shichimi Togarashi (japanische Gewürzmischung)
1 Frühlingszwiebel

Für die Teriyaki Sauce
40 ml Soja Sauce
10 ml Sake
4 EL Mirin
20 g braunen Zucker

Dekoration: dünne Gurkenscheiben und etwas rote Kresse oder rote Sprossen

dazu: gekochter Reis

Zuerst die Zutaten für die Teriyaki Sauce in einen kleinen Topf geben und aufkochen lassen. Bei mittlerer Temperatur auf zwei Drittel einkochen lassen.
Die Hühnerschlegel mit 500 ml Wasser in einen Topf geben, Pfeffer, Möhre und Lauch dazugeben und 20 Minuten kochen lassen. Die Brühe dabei durch ein Sieb in einen weiteren Topf abseihen.
Die Brühe nun zusammen mit der Hälfte der der Teriyaki Sauce weiter einkochen lassen.
Das Fleisch von den gekochten Schlegeln zupfen, beiseite stellen und den Rest entsorgen.
In einer Pfanne das gezupfte Fleisch mit der restlichen Teriyaki Sauce begießen und erwärmen.

Den gekochten Reis auf Schüsseln verteilen, mit den Zuckerhutstreifen bestreuen und mit etwas von der eingekochten Brühe begießen. Das Fleisch darauf verteilen, mit Shichimi Togarashi bestreuen (wenn Sesam zur Hand ist, dann nix wie drauf damit) und mit feingeschnittenen Röllchen von der Frühlingszwiebel anrichten. Noch ein paar Gurkenscheiben und Sprossen dazu, fertig.
OISHI!

· 4 Kommentare ·

Tagged: , , ,

in Herbst, japanisch, Länderküche, mit Fleisch, nach Saison, Rezepte

Spätsommer auf Bornholm [#1] – ein Gefühl von Weite und Freiheit

Zum Essen kommen wir später, versprochen, es wird ganz viel davon geben, aber als ich in Kopenhagen ankomme und auf die kleine Maschine wechsle, die mich nach Bornholm bringen soll, stürmt es noch. Da denke ich zwar schon ans Essen, aber mir ist noch nicht danach. Ich fliege durch Weiß. Ein zerrissenes Weiß, ein graues Weiß, ein brutales Weiß. Manchmal sehe ich die vielen Schaumkronen auf den Wellen dort unten. Kurz nach der Landung setzt Regen ein.

Ich habe einen Leihwagen, das ist praktisch, denn obwohl die Insel nur 40 Kilometer lang ist und 10 Kilometer breit, werde ich hier ständig nur am rumfahren sein. Von einer Ecke in die Andere. Kurzes Warmwerden mit dem Navi und dann geht es auch schon los. Ist wenig Verkehr, nur alle paar Kilometer kommt mir ein Auto entgegen. Mein erstes Ziel ist das Melsted Badehotel. Das liegt auf der östlichen Seite in Gudhjem. Auf Bornholm herrscht ein mediterranes Klima, Feigen und Aprikosen wachsen hier, doch noch kann ich es erst einmal nur erahnen.

das kleine Strandhaus im Meldsted Badehotel ist mein Domizil für zwei Nächte

düstere Sturmwolken über dem Meer – der Sommer scheint so fern

Der Sturm verzieht sich

In der Bucht, wo sich das Hotel direkt an den kleinen Strand und das Wasser schmiegt herrscht eine entrückte Atmosphäre – noch greift der Sturm nach jeder Haarwurzel und verknotet mir binnen Sekunden alles, doch der erste Blick auf das Meer und den verlassenen Strand ist von einer unbestreitbaren Magie. Lila, mit einzelnen orange farbenen Stellen wölbt sich ein dramatischer Sturmhimmel über der See. Draußen liegen viele Marineschiffe vor Anker. Sei es wegen dem Sturm oder wegen einem Manöver der Russen. Die Nato ist präsent.
Mein kleines Zimmer geht direkt auf die Terrasse raus, vom Bett aus sehe ich das Meer. Ausruhen, ankommen, ein bisschen wenigstens. Doch lange hält es mich nicht. Wieder steige ins Auto und fahre einfach drauf los gen Norden. Und als hätten mich unsichtbare Kräfte angezogen, stehe ich plötzlich vor dem Hammershus, jener alten Ruine aus dem Mittelalter. Hätte ich mal nicht so viele Wikingerfilme im Bezahlfernsehen geschaut, ich bin der einzige Besucher hier, andächtig schleiche ich an einem hoch aufragenden Stein vorbei. In meinem Kopf toben wilde Bilder, als ich auf dem steinigen Pfad zur Burg hochsteige. Dann stehe ich oben, blicke auf das Meer, die Bucht und den Himmel. Dramatisch treibt der Sturm die Wolken vor sich her, als wären es kleine Schafe, die es zu bändigen gilt. Sie müssen zusammenbleiben, das Ende des Sturms ist bereits in Sicht in Form eines leuchtend orange-roter Streifens am Ende des Horizonts.

das Hammershus, eine Burgruine aus dem Mittelalter

es hellt wieder auf, die Wolken ziehen dahin

am Horizont wird es heller

der Sturm hat die wilden Äpfel vom Baum gefegt

 

wie aus einer anderen Welt

In der Nacht hat sich der Sturm verzogen. Als ich am nächsten Morgen aufwache, deutet nichts mehr darauf hin, dass er noch 24 Stunden davor das Obst von den Bäumen geweht hat. Ich fahre in den Süden, vorbei an Windmühlen, Stränden und Felsen im Wasser, wo Kormorane ihre Flügel trocknen. Kormorane jagen im Wasser und haben dafür die denkbar schlechtesten Voraussetzungen: Sie haben keine Fettdrüsen, womit sie ihre Flügel imprägnieren könnten. Was jede Ente kann, kann der Kormoran nicht. Er muss nachdem er sich in die Fluten gestürzt hat, erst einmal mit gespreizten Flügeln rumhocken und warten, dass der Wind ihm seine Flügel trocknet.
Während das Quecksilber kurz an der 20° Marke kratzt und ich schon längst meine Jacke im Auto gelassen habe, komme ich bei Svaneke wieder ans Meer. Verlassen ragt der Sprungturm am Strand über dem Wasser. Wieder so gut wie keine Menschen, doch heute wirkt alles lieblicher. Das Moos auf den Steinen leuchtet, im Wasser wiegt sich sanft der Blasentang.

Noch weiter geht es in den Süden. Bis an die Südspitze nach Dueodde, dort, wo der Strand schier endlos ist. Ein Steg führt durch die befestigten Dünen direkt dorthin. Der Sand ist so weiß, dass es schwer fällt, ihn nicht mit Eis zu verwechseln. Wolken ziehen auf und das Licht hat einen kalten Glanz. Und ich stehe einfach nur und kann nicht genug bekommen von diesem Anblick. Wie der Wind den feinen, weißen Sand vor sich hertreibt, als wäre es Schnee, wie der Himmel so endlos weit ist, wie berauschend schön es hier ist.

der Weg an den schönsten Strand in Dueodde

das magische Licht des Nordens

der Wind treibt den feinen, weißen Sand vor sich her

silbriges Licht, weiter Himmel am Strand von Dueodde

Leuchtturm in Dueodde

verlassene Strände, wo es doch noch schön warm ist.. vielleicht nicht warm genug

end of season…

sich frei zu fühlen…

das ist es, was mein Gefühl auf dieser Insel am besten beschreibt. Wo meine Sehnsucht nach Weite ihren Hafen gefunden hat, wo ich immerzu nur meinen Blick in die Ferne gerichtet hatte. Ausgenommen dann, wenn etwas zu essen vor mir stand, doch dazu kommen wir noch. Erst einmal ist es das Eingrooven auf diese wunderbare Insel, den Sonnenuntergang von einer Düne aus beobachten, die Luft atmen, die einem die Lunge weit macht. Immer noch ist es warm. Immer noch ein bisschen wie Sommer. Und in den wundervollsten Farben zeigt sich der abendliche Himmel über dem Meer.
Ich werde euch noch berichten von grandioser nordischer Küche, von einer kleinen Brauerei, von Lakritze, von herrlicher Keramik, dem besten Metzger der Insel und einigen wunderbaren Menschen. Denn sie sind es ebenfalls, die diese Insel so bemerkenswert machen. Die Menschen hier sind so freundlich. Doch erst einmal sind der Himmel, das Meer und die Natur mein erster Rausch. Weitere werden folgen…

der feinste und weißeste Sand, den ich je gesehen habe

stille Ostsee im Abendlicht

der Zauber der Farben über dem Meer

Kormorane, die ihre Flügel trocknen

das letzte Licht des Tages

einfach so, weil die Farben so schön sind

die Blumen im Garten des Madkulturhuset Gaarden

Bautasteine, ohne Runen. Ein verwunschener Ort

Adressen:
Melsted Badehotel
Melstedvej 27
DK-3760 Gudhjem
Tel +45 56 48 51 00
info@melsted-badehotel.dk

Offenlegung: Die Reise nach Bornholm wurde unterstützt von visitdenmark. Ich danke herzlich dafür. Die Eindrücke sind meine ganz eigenen.

· 1 Kommentare ·

Tagged: , , , , ,

in Bornholm, Dänemark, Europa, kulinarische Reisen

Flank Steak mit scharfer Blaubeer-Preiselbeersauce

Eigentlich bin ich fein raus. Noch immer scheint sich dem durchschnittlichen Marktbesucher die Welt der Flank Steaks nicht erschlossen zu haben. Eine andere Erklärung habe ich nicht, denn wenn ich um 11:00 Uhr am Samstag auf den Markt komme, sieht es beim Bio Metzger meist schon ziemlich leergeräumt aus. Bis auf ein Flank Steak.
Das Flank Steak ist ein Teil des Bauchlappens vom Rind. In Amerika erfreut es sich großer Beliebtheit. Allerdings benötigt es im Gegensatz zu einem Filet Steak ein wenig mehr Zuwendung und Ruhe. Es sollte stets bei hoher Temperatur gegrillt oder gebraten werden und muss dann aber in Wärme ruhen, da es sonst zu Zähigkeit neigen kann. Gönnt man ihm aber genau diese Ruhe, ist dieses Stück ein großer Genuss (und eine günstige Alternative).
Nach meiner Nova Scotia Reise wollte ich unbedingt noch mal diese scharfe Sauce aus Blaubeeren nachmachen, die Chefkoch Alain Bossé dort für uns zubereitet hatte. Allerdings mit etwas weniger Pfeffer, da hat er es echt zu gut mit uns gemeint. Meiner Meinung nach darf man den wunderbaren Blaubeeren hier auch ihren Raum geben.

Mit dem festen Vorsatz nur Blaubeeren kaufen zu wollen, stehe ich plötzlich vor einem Korb mit frischen Preiselbeeren. Und ich kann ihnen natürlich nicht widerstehen. Was also eine reine Blaubeersauce werden sollte, wird nun eine „mixed-berry“ Sauce. Man kann die Preiselbeeren natürlich weglassen, aber sie schmecken wirklich hinreißend gut in dieser Kombination. Wer mag, kann diese Sauce – ob nun rein aus Blaubeeren oder gemischt mit Preiselbeeren – auch noch mit etwas frischem Rosmarin peppen. So eine Beerensauce ist ein genialer Allrounder zu Kurzgebratenem!

Für Zwei
ein Flank Steak vom Rind (Saumfleisch) etwa 400 g
1 EL Öl für die Pfanne oder den Grill

½ TL geräucherte Meersalzflocken (z.B. Maldon)

Rub
1 TL getrockneter Rosmarin
½ TL Korianderkörner
je ½ TL getrockneter Thymian und Majoran

Blaubeer-Preiselbeersauce
100 g Blaubeeren
50 g frische Preiselbeeren
2 EL Maple Sirup
1 EL Balsamico Essig
eine Prise Meersalz
frisch gemahlener Tellicherrypfeffer (gerne großzügig nach Geschmack, das verträgt die Sauce)

frischer Zuckermais
2 Kolben frischer Zuckermais
1 kleine Zwiebel
1 rote Peperoni, in Ringe geschnitten
1 EL Butter
einige Blätter frischer Koriander, die Blättchen gezupft und grob gehackt
Meersalz

Zuerst mit dem Rub beginnen. Dafür die Zutaten in einen Mörser geben, mörsern und das Fleisch damit einreiben.
Wird das Fleisch gegrillt, den Rost einölen, ansonsten das Öl in einer Grillpfanne oder einer normalen Pfanne erhitzen und das Fleisch von beiden Seiten je 4 Minuten grillen.
Warmstellen und nachziehen lassen (ganz wichtig).
Die Blaubeeren zusammen mit den Preiselbeeren in einen kleinen Topf geben und zusammen mit dem Ahornsirup und dem Balsamico Essig ein wenig einkochen lassen. Mit einer Prise Salz und großzügig hinzugefügtem frisch gemahlenem Pfeffer abschmecken.
Für den Mais die Körner vom Kolben schneiden und die Zwiebel fein würfeln. In einem Topf die Butter aufschäumen lassen und die Zwiebel darin glasig dünsten. Den Mais und die Peperoni dazugeben und bei geschlossenem Deckel etwa 5 – 7 Minuten dünsten.
Mit dem frischen Koriander mischen und mit Salz abschmecken.
Das Fleisch in Scheiben schneiden, Meersalzflocken draufstreuen und zusammen mit der Sauce und dem Mais servieren.

· 2 Kommentare ·

Tagged: , , ,

in amerikanisch, Länderküche, mit Fleisch, nach Saison, Rezepte, Sommer

Food & Fashion

„Wow“, Fausto ist begeistert. Bei diesem „Wow“ neigt sich sein Oberkörper leicht nach hinten, die Unterarme werden dabei nach außen gedreht. So ein „Wow“ ist das. Fausto ist Stylist und hat mir soeben ein hautenges schwarzes Kleid mit einem aus Pailletten bestickten Schwertfisch darauf verpasst. Davor war es ein golden glänzender Faltenrock mit einem Strickoberteil. Das sei aber zu warm für die Party am Abend. Richtig, hier in Mailand ist es warm. Und wie das hier schon alles vermuten lässt, soll ich heute Abend glitzern. Das ist schließlich Faustos Job. Mich glitzern zu lassen. Nebenbei schiebt er mir noch die Karte eines Freundes zu. Arbeitet bei La Rinascente in der Kosmetikabteilung, bei Dolce & Gabbana. Der könnte mir mit dem spektakulären Make-up behilflich zu sein. Die Zeit rennt.

Ich bin in Mailand zur Fashion Week, weil ich dieses Hiersein gewonnen habe. Die italienische Modemarke Marina Rinaldi hatte zu einem Schreibwettbewerb aufgerufen. Ich habe geschrieben. Ganze mondäne 140 Wörter war meine Geschichte lang. Länger durfte sie auch nicht sein. Und ich habe gewonnen. Ein Wochenende in Mailand habe ich gewonnen, Flug, Hotel und Teilnahme am Fashion Event des Hauses. Dazu noch Stylingberatung und ein Einkaufsgutschein. Und genau darum geht es gerade, während ich mich wieder aus meinem Schwertfischkleid schäle. Schließlich soll ich beeindrucken heute Abend. Mehr Kleider werden angeschleppt. Am liebsten sähe er mich in einer Lederjacke mit Spitzenrock und schweren Bikerstiefeln. Wäre dieser Event im Winter, könnten wir durchaus über diese Option reden, doch es ist nicht Winter, draußen hat es immer noch über 20°. Er wedelt mit einem Lurexkleid in herbstlichen Farben vor mir. Dann bringt seine Kollegin ein langes schwarzes transparentes Kleid übersät mit glitzernden Pünktchen (mit Unterkleid natürlich). Wieder verziehe ich mich artig in meine Kabine um es anzuprobieren. Und dieses Mal gibt es sogar Applaus. Das, genau das sei es. Mein Kleid. Dazu eine lange, leichte Jacke (zu dumm aber auch, dass es zu warm ist für die gefütterte Lederjacke).

Mit einer großen Tüte verlasse ich den Laden und wäre es nach Fausto gegangen, wäre ich jetzt um einige tausend Euro ärmer. Er hat nur seinen Job gemacht (und das gut) aber die Vernunft siegte.

Es glitzert… und kein Essen in Sicht

Den ganzen Tag hatte ich bis auf eine Piadina, eine Art Sandwich, noch nichts gegessen und ich war voller Hoffnung, dass es beim Event Abends etwas Feines gäbe. Schließlich müssen sie hier auch mal was essen. Dachte ich. Zeit für Dolce & Gabbana war natürlich auch nicht mehr. Tick, Tack… bald beginnt die Show. Heißt also selber ran an die Pinsel.

Mailand um diese Jahreszeit muss man mich so vorstellen, dass die Stadt bevölkert ist mit einer ganz besonderen Sorte Menschen. Menschen, die auffallen wollen um jeden Preis. Und damit meine ich jeden Preis. Zumindest die Füße leiden am allermeisten. Wer hier keine mörderisch hohen Stilettos trägt, ist raus aus dem Spiel. Ich trage Boots, damit komme ich durch. Geht um die Aussage. Fashionmäßig.

Mein Magen hängt kurz nach 18:00 Uhr, wo der Event beginnen soll, mir bereits auf Kniehöhe. Neben mir hält ein Großraumtaxi mit sehr sorgfältig gestylten Damen. Natürlich alle in der Garderobe von Marina Rinaldi. Mein Kleid ist dummerweise auch dabei. Doch das wird nicht das letzte Mal sein, dass es mir an diesem Abend begegnet.

Der Event findet in einem kleinen Theater statt. Auf der Bühne posieren einige Models als würden sie gerade fotografiert. Dann erscheint die Ikone des Abends. Ashley Graham. Das Testimonial der Marke. Und das sicher berühmteste Model mit Kurven. Vermutlich war ich die einzige, die sie noch nicht kannte. Ashley ist eine wunderschöne Frau, anmutig mit fabelhaften Kurven. Der Saal applaudiert frenetisch.  Ich halte mich derweil an meinem dritten Glas Prosecco fest und meine Gedanken kreisen um die quälende Frage, wo denn nun endlich das Buffet aufgebaut wird. Natürlich wird es kein Buffet geben. Kleine Windbeutel mit einer Garnelenpaste müssen reichen. Die sind so schlecht, dass ich es freiwillig sein lasse.

Ashley Graham, die Ikone, und ich

Es geht hier ja auch nicht ums Essen, Claudia! Das habe ich spätestens jetzt auch kapiert. Und mal ehrlich, wer will schon ein Canapée, wenn man ein Selfie mit Ashley Graham haben kann? Wie kann man nur an einen Teller mit Nudeln denken, wenn die Fashionblogger hier grad ausflippen. Es sei ihnen ja gegönnt.

Und dann stehe auch ich neben dieser Ikone mit den ausladenden Kurven. Sie nimmt mich ganz bezaubernd in den Arm, lächelt, ein Fotograf geht auf die Knie und zack! –  das wars. Mein Moment mit Ashley Graham.

Fabiana, die Siegerin aus Italien, die ich schon am Nachmittag im Shop kennengelernt habe, will auf jeden Fall danach noch was Essen gehen. Mir ist alles recht. Zwei Stunden später trotte ich ergeben hinter ihr und ihren Freunden her. Hauptsache Essen. Sogar das so ziemlich mieseste Sushi meines Lebens konnte an diesem glücklichen Frieden nichts mehr ändern.  Sitzen. Endlich sitzen.

Das mit dem Essen musste also noch ein wenig länger warten. Bis zum kommenden Mittag. Dann endlich saß ich im Ratanà, einem fabelhaften Restaurant, das ich schon vor zwei Jahren, als ich zur Expo hier war, besucht hatte. Zum Rindermark gab es frisch geröstetes Brot und einen Salat aus Gartenkräutern, danach luftige Gnudis, Ricotta Klößchen, mit Petersilienpesto und Sonnenblumenkernen.  Ich gönnte mir einen biodynamischen Wein. Obvius Giallo IGT 2016 von Salcheto, ungefiltert und aus der südlichen Toskana. Sehr harmonisch zu meinen fluffigen Ricotta Klößchen.

Was Fashion mit Food gemeinsam hat

So einiges. Auch wenn ich glaubte, mich hier auf fremdem Terrain zu bewegen, so gibt es hier doch immens viele Parallelen. Modeerscheinungen – kennen wir doch alle. Auch beim Essen. Jeder rennt grade den Poké Bowls hinterher, als gäbe es kein Morgen. Trends? Natürlich. Auch beim Essen gibt es Trends. Und schließlich kann jeder selbst entscheiden, ob es nun die Besinnung auf das ganze Tier oder die ganze Pflanze ist, oder eben ein Pulli mit einem kraftvollen Motto vorne drauf. Ob die Röcke kurz oder lang sind, ob Tahini, Cashewmus und Miso in keiner Küche fehlen dürfen, ob wir wie wild fermentieren oder Lederjacken zu schwingenden Kleidchen tragen. Immer wird es Trends geben. Egal ob die Vorboten nun Heston Blumenthal oder Tom Ford heißen. Und wir brauchen sie, diese Trends. Sie erhalten den Fluss aus ständigen Neu- und Wiederfinden am Fließen.  Sie inspirieren uns und wir folgen ihnen. Foodfotografie wird plötzlich dunkel und mystisch? Yeah! Graue Haare sind plötzlich hip? Gleich nochmal Yeah!

Das Rad dreht sich eben nicht nur um Smoothies, Poké Bowls und Low Carb. Es dreht sich immerzu. Auch, und seit jeher, genauso um die Mode. Jeder kann sich seine Spielwiese aussuchen.

Meine ist und bleibt die Küche. Das Glitzerkleid kann ich trotzdem gut brauchen. Schließlich kann man auch auf Dinner-Events glänzen. Dort ist die Gefahr dann auch geringer, dass die Damen am Tisch das gleiche Kleid tragen.

· 1 Kommentare ·

Tagged: , , ,

in auswärts essen & events, Italien, kulinarische Reisen, Mailand