14. März 2015

Eat! – mit Vergnügen, Mister Slater

besondere Kochbücher | 3 Kommentare

eatUnd wie ist es? Das neue Kochbuch von Nigel Slater? Ich frage neugierig im Kreis der foodbloggenden Kochbuchsüchtigen. Ein typischer Slater, ist die Antwort, die ich bekomme. Doch was ist ein typischer Slater, wenn man noch nie vorher einen Slater gekannt hat, geschweige denn eines seiner Rezepte gekocht hat?

Zugegeben es ist eine Kunst ihn zu umgehen und diesen Parcours habe ich offensichtlich erfolgreich absolviert. Sein neues Buch übte einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Vielleicht ist es der schnörkellose Titel, vielleicht sein schöner Pulli oder einfach nur die Farbe – jedenfalls musste ich dieses Buch näher erforschen. Als sei noch nicht genug über Fast Food geschrieben worden und vermutlich hat er selbst dabei geschmunzelt, als er ihm diese Bezeichnung gab, denn mit Fast Food im herkömmlichen Sinn hat dieses Buch wirklich wenig zu tun. Doch gerade weil vermutlich kein Autor mehr mit stundenlangen Zubereitungen seine Leserschaft vor den Ofen locken kann, ist es die zügige Zubereitung, die dieses Buch eben zur Fast Food Bibel macht.
Wer jedoch ein Sandwich, einen Burger oder – ganz kühn – eine Gemüsefritte nach der anderen erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Wobei Slater überhaupt nicht belehren will. Nein – Lust will er uns machen.
Und genau diese ungezwungene Art, diese Nonchalance mit der er sein ganzen Wissen, seine Erfahrung hier auf unprätentiöse Weise in den Ring wirft, ist das, was dieses Buch so verführerisch macht. Ein kleines handliches Format, über 600 Rezepte, Bilder ohne jedwedes Chi-Chi (richtig – hier liegen keine Krümel oder antiquiertes Besteck rum) und Seiten, auf denen das Auge ruhen kann. Die nicht mit verschiedenen Schriftarten überladen sind.
Wer seit so vielen Jahren im Foodjournalismus tätig ist wie er, Fernsehshows bestreitet und etliche Auszeichnungen als Autor bekommen hat, kann es sich leisten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf das Essen. Und das eben nicht nur am Wochenende, wo jeder Zeit hat, sondern auch unter der Woche abends, wenn es eben schnell gehen soll.

koche ich, oder esse ich nur ein Brot?
Schweine Rillettes auf Sauerteigbrot mit Essiggurken – so einfach und doch etwas, was oftmals nur als vage Vorstellung in den Tiefen unseres kulinarischen Verlangens rumgeistert. Slater gibt dieser Option den gleichen Stellenwert wie einem geschmorten Kaninchen mit Kräutern. Ich habe wie immer die Wahl. Will ich es einfach auf die Hand, aus der Schüssel, aus dem Ofen, aus der Pfanne, Wok oder Schmortopf, hab ich vielleicht Lust den Grill anzuwerfen oder braucht meine Seele etwas Süßes. Vielleicht jenes „Kuddelmuddel“ (liebe Übersetzerin, ich kann mir vorstellen wie schwer es sein muss den etablierten Begriff „Eaton-Mess“ , wie es im Original heißt, zu übersetzen), das sich einfach aus Crème Double, geschlagener Sahne, Passionsfrüchten, Mangos und Meringue auf meine Sinne legt? Ich fühle mich zur sofortigen Umsetzung verführt. Doch es ist zuerst seine außergewöhnliche Komposition aus Möhren und Bohnen, die mich lockt. Und die mir sofort zusagt. Kurz danach ist es eine Schale Orzo (kleine reisförmige Nudeln) mit frischen Champignons und Mairüben. Und schon halte ich mich nicht mehr an das Rezept. Und das scheint auch ganz in seinem Sinne zu sein. Hier ein Schuss Sherry, da noch etwas grüner Spargel dazu und schon habe ich meine eigene wunderbare Abwandlung.
Aus diesem Grund auch sind seine Rezepte keine strikte Anweisung, keine Auflistung. Sie sind quasi in den Text integriert – was es dennoch gut lesbar macht – und lassen mir auch Spielraum für mein Ding. Er gibt den Takt vor, aber schon beim zweiten Rezept beginne ich meine ganz eigene Interpretation des Themas. Ganz entspannt.

Nigels Carrots-1-6

Möhren Püree mit Käferbohnen, Koriander und Zwiebeln (Rezept folgt)

ein leichtes Gefühl von Gefahr und Vergnügen
mit diesen Worten beschreibt Slater den Moment, wenn der Wok seine maximale Hitze erreicht hat und die Zutaten darauf warten, hineingeworfen zu werden. Es zischt, vielleicht spritzt es ein wenig, aber wie könnte man diesen Moment sinnlicher beschreiben als so. Es ist die pure Vorfreude auf das Essen. Das kann ein aromatisches Schweinefleisch mit Gurke oder ein Wasabi-Miso-Rindfleisch sein und es wird deutlich, dass Slater hier gerne Fleisch als Hauptdarsteller im Wok hat. Generell aber kommen auch die Nicht-Fleisch-Esser unter uns nicht zu kurz und es sind in erster Linie die Gemüse, die seine schnelle Küche so aufregend machen.

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Orzo, Champignons, Mairübchen und grüner Spargel (Rezept folgt)

fummeln, zudrücken, kräuseln und kneten
Wenn es um Pies geht, überschlägt sich sein Vokabular vor lauter Wonne. Alles was sich unter einer Kruste versteckt, weckt das Verlangen. Und das geht offensichtlich nicht nur mir so. Der Reiz liegt in der Verhüllung. Danke Nigel, dass hier selbst so vermeintlich aufwendige Gerichte wie ein Rindfleisch-Pie unter der Selleriekruste so locker, flockig daher kommen, dass selbst nach einem Tag im Büro noch die Lust geweckt wird, sich an den Herd zu stellen.
Welche Wünsche bleiben also noch offen? Brauchen wir noch ein paar mehr Kräuter, noch aufwendigere Gewürzmischungen um am Herd zu brillieren? Nein. Dieses Buch macht rundum zufrieden. Es bietet sowohl dem Anfänger in Küche wie auch dem arrivierten Koch eine Vielfalt an abwechslungsreichem Genuss. Und es ist eben genau diese sinnliche Einfachheit, die tollen Kombinationen, die mich unaufdringlich umgarnen. Es hat seine Auszeichnungen verdient. Selten hatte ich ein Buch in der Hand, dass durch seine Beschreibungen eine fast intime Nähe zu seinem Autor aufkommen lässt. Essen ist lustvoll – Danke Nigel Slater, dass du uns das in Erinnerung gerufen hast.

„Eat, das kleine Buch der Fast Food Küche“ ist erschienen im DuMont Verlag (alle Links sind Affiliate Links)

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3 Kommentare

  1. Ich hab mir gerade erst Tender I zugelegt und bin davon schon total begeistert. Nigel Slater schreibt so liebevoll und amüsant über sein Gemüse und liefert schnelle Kombiideen, wie oft läuft man abends durch den Garten und denkt „oh, das muss geerntet werden“ und es will einem partout nichts einfallen… da ist dieses Buch eine einzige Inspiration, die die Fantasie anregt.

    Also schätze ich, eat wird mir auch sehr gut gefallen 😉

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  2. wow, tolle Rezension. An mir ist er übrigens auch vorbeigerutscht. Aber das Buch muss ich haben! 🙂
    LG, Björn

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    • Ich bin sicher, da gibt es einiges, was dir gefallen könnte, Björn
      Liebe Grüße
      Claudia

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