20. September 2015

Kulinaarinen Suomi – Finnland kulinarisch (Teil 1)

Finnland, Espoo, kulinarische Reisen | 0 Kommentare

finnland2_TOPIch habe eine Vorstellung von Finnland. Annähernd jeder hat so eine Vorstellung davon. In dieser Vorstellung gibt es Seen, Wälder, und nochmal Seen und Wälder, ab und an läuft ein Elch oder ein Rentier rum und es gibt Polarlichter und Mücken. Das ist zum größten Teil auch richtig. Natürlich gibt es tausend mehr Dinge, die ich entdecken möchte, allem voran das, was kulinarisch dort gerade passiert. In Helsinki wurde vor einigen Jahren der „Restaurant Day“ aus der Taufe gehoben, jene Veranstaltung, zu der Privatleute an bestimmten Tagen im Jahr selbst Gastronom sein dürfen und die über die ganze Welt schwappt. Auch in München ist sie angekommen. In Finnland ist jetzt die Hochsaison der Beeren. Und der Krebse. Es gibt Fischfestivals und die Zeit der frischen Apfelweine ist gekommen. Craft Beer macht sich stark dort oben. Die nordische Sterneküche will entdeckt werden.
Das alles sind mehr als genug Gründe nach Finnland zu fahren. Will man alles sehen braucht man Wochen und Monate, denn das Land ist riesig. Also beschränke ich mich fürs erste auf die Hauptstadt und die Wälder drumherum, genauer gesagt, fängt alles in Lohja an.

Die Königin der Blaubeertorten, Apfelwein und eine Sauna mit Ausblick

Ich habe Glück und habe keinen Flug, der mich in den frühen Morgenstunden aus dem Bett treibt, ich fliege zu einer angenehmen Zeit. Halb elf vormittags. Ich habe nicht gefrühstückt, verkneife mir die traurigen Sandwiches im Flugzeug. Ich erreiche Finnland hungrig. Helena holt mich ab und bringt mich raus aufs Land nach Lohja. Marjo, die Besitzerin des Cafés St. Honoré, habe extra einen Blaubeerkuchen für mich gebacken. Ich ziehe meine Backen zwischen die Zähne so sehnsüchtig warte ich auf diesen Blaubeerkuchen. Es dauert noch 45 Minuten. Das Café ist klein und eher unscheinbar. Erinnert mich ein wenig an eine Eisdiele aus den 70er Jahren. Der Gründer war einst Bäcker am schwedischen Königshaus. Ich esse zuerst Kaalipierakka, eine Pastete mit Kohl und eindeutig aus dem östlichen Teils Finnlands, die so umwerfend gut ist, dass ich gerne noch ein zweites Stück gehabt hätte. Aber ich muss Platz für den Blaubeerkuchen lassen. Noch fast warm. Zum dahinschmelzen gut.

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Wir fahren weiter, dorthin, wo die Äpfel herkommen. Entlang an großen Apfelplantagen. Wo Cidre gemacht wird. Kräftiger Cidre mit 14% und so. Und Beerenschaumweine. Auch hier habe ich wieder eine Vorstellung, wie das mit dem Apfelwein wohl schmecken könnte, und wieder liege ich völlig falsch. Was hier als halbtrocken durchgeht ist so satt und stramm am Gaumen, trocken mit kräftiger Säure, dass ich fast Angst habe, auch noch die wirklich als „trocken“ gekennzeichneten Sorten auszuprobieren. Ich tue es natürlich und bin begeistert. Auch süße Varianten mit Beeren schmecken hervorragend. Ich kaufe auch gleich ein paar Flaschen, wohlwissend, dass ich diese ab sofort mit mir rumtragen werden muss. Der große Koffer muss einen Sinn haben.

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Von den Apfelwiesen geht es mit einem Abstecher über eine kleine Plantage wo alte Apfelsorten bewahrt werden, weiter nach Kirkkonummi zu meinem Hotel. Und dort sehe ich sie dann zum ersten Mal so richtig. Die Seen. Und die Wälder. In goldene Abendsonne getaucht. Die Luft ist wie weichgespült. Atmen ist wundervoll.
Das Hotel war in den siebziger Jahren ein Konferenzzentrum einer großen finnischen Bank. Die Bank gibt es nicht mehr und das große Haus wurde komplett zum Hotel umgebaut. Mit Fingerspitzengefühl hat man hier gekonnt die schrägen siebziger (braune Kacheln in Aufgang) mit angesagtem nordischem Design kombiniert. So manche Lampe oder Sitzgelegenheit ist anbetungswürdig, gegessen wird neben einem zu allen Seiten offenen riesigen Kaminfeuer. Thomas, Salesdirector des Hauses und zur Hälfte mit deutschen Wurzeln, führt mich herum. Er schlägt vor, bis zum Dinner könne ich mich doch noch ein wenig in der Sauna erfrischen. Das Spa ist beeindruckend. Das Haus besitzt auch ein eigenes Kino. Noch immer kommen viele Gäste um hier ungestört von dem Rest der Welt zu tagen, doch auch viele Paare und Familien kommen um ein paar Tage auszuspannen.

finnland-1-6 finnland-1-4 finnland-1-2 finnland-1-7finnland2.1 Nur eine Stunde bin ich von Helsinki entfernt. Ich verwerfe den Gedanken an die Sauna und will lieber nach draußen an den See (von Mücken keine Spur). Das Essen ist großartig. Frische Zutaten, Charolais Rind von einer Farm ganz in der Nähe. Ausgesuchte Weine aus der Pfalz und dem Burgenland. Glücklich falle ich in mein großes Bett. Die Sauna hebe ich mir für den Morgen auf. Gerade als die erste Morgenröte über dem Wald erhebt, heize ich die private Sauna in meiner Suite auf. Während der Himmel mehr und mehr von Tiefblau in Orange verwandelt, breite ich vor dem großen Fenster in meiner Sauna ein Handtuch aus und starre auf den morgendlichen See. Das ist atemberaubend. Eine eigene Sauna mit Aussicht. Ich bin dem Himmel sehr nah.

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Tief in den Wäldern bei den Beeren und Pilzen und wo über offenem Feuer gekocht wird

Erfrischt vom saunieren und einem herrlichen Frühstück (wann bitte gibt es diese grandiosen Karelischen Piroggen endlich auch hier?), geht es zur nächste Etappe. In den Nuuksio Nationalpark. Dort bekomme ich ein Beerenkörbchen und ein Messer und folge fortan meinem Guide Pekka Väänänen durch den Wald. Er weiß genau, wo die Pilze zu finden sind. Es sind nicht besonders viele in diesem Jahr, meint er, der August sei viel zu trocken gewesen. Über winzige Trampelpfade stapfen wir immer tiefer in die Wälder. Ich entdecke einen Fliegenpilz (stehenlassen!), einen essbaren Irgendwas-Röhrling (Pekka nickt, er sei essbar) und ansonsten nichts. Aber Beeren über Beeren. Blaubeeren und Preiselbeeren. Die muss ich auch sammeln fürs Mittagessen. Nach einer guten Stunden haben wir genug gesammelt– also Pekka hat genug gesammelt, ich müsste darben – und wir kehren zurück zur Hütte.

finnland-1-11 finnland-1-12 finnland-1-14Mit einem Handkarren hat seine Kollegin bereits Teller, Töpfe, Zutaten und Fisch herbeigeschafft. Wir machen Feuer. Ich bürste die frischen Pilze und schnipple sie in die Suppe während Pekka aus einen Stück Holz Nägel schnitzt, mit denen er den Fisch auf ein Brett nagelt. Salz wird mit Blaubeeren vermischt und auf dem Fisch verteilt. Schnell sammelt er noch ein paar Kräuter für die Suppe und das Risotto. Das ist richtig cooles Open-Air Kochen. Für seine teils chinesische Klientel bereitet er auch schon mal Rentierfleisch auf diese Weise zu, dabei ist es völlig wurscht, dass die Viecher hier gar nicht vorkommen, sondern nur im Norden des Landes. Was zählt, ist das Erlebnis. Da ist unsere Kochshow schon weitaus authentischer. Und es wäre kein typisches Essen, wenn nicht am Ende noch ein Schnaps getrunken würde. Kippis!

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Ein einsames Cottage am See und Flechten, die man essen kann

Ja, es geht noch einsamer. War ich doch seit meiner Ankunft stets in lauschiger Gesellschaft, so bin ich nun gänzlich allein in der Wildnis. Tief in den Wäldern an einem See, wo auf der Hinfahrt ein Fuchs vor dem Auto herläuft. Ich habe ein Luxus Cottage ganz für mich allein. Regen zieht auf und durch das große Fenster schaue ich auf den See. Einsamkeit kann sich gut anfühlen. Obwohl es für diese Jahreszeit immer noch recht warm ist, annähernd 17°, habe ich das Verlangen nach mehr Wärme. Ich heize die Sauna auf und zünde ein Feuer im Kamin an. Die Gedanken werden langsamer, ich fühle mich angekommen. Bevor die Sauna bereit ist, laufe ich noch hinunter zum Steg. „Du musst unbedingt schwimmen gehen!“ Der See hat ungefähr die gleiche Temperatur wie die Luft. Ich suche die Finnin in mir, die sofort reinspringen würde, doch ich finde sie nicht. Vielleicht werde ich mich später darüber ärgern, dass ich es nicht probiert habe, dass ich nicht nach der Sauna nackt durch den Wald gerannt bin und mit einem Hurrah in den See gesprungen. Vielleicht.
Ich schlafe wunderbar in dieser Nacht.

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Am nächsten Morgen besucht mich Annu Huotari, die Besitzerin des Cottages. Sie ist eine Expertin für Wildkräuter, Flechten und Moose und nimmt mich mit auf eine Wanderung in den Wald. Es gießt, aber die Aussicht auf essbare Flechten lockt. Küchenchefs sind ihr ebenso gefolgt wie ich, sind über Wurzeln gestolpert und haben nasse Füße bekommen. Das mit den nassen Füßen ist natürlich meine Schuld. Ich bin schlecht vorbereitet. Habe die falschen Schuhe. Stolz zeigt Annu mir die langen Bartflechten an den Bäumen (nicht essbar), die ein Indikator für ein einwandfreies Ökosystem seien. Die Elchhornflechten (essbar) sind ähnlich wie Algen von einer fast gummiartigen Konsistenz. Es sei ein Glück für mich, dass es regne, denn so seien sie besser zu ernten. Ich schaufle händeweise die Flechten in meine Tüte. Irgendwas wird mir dazu schon einfallen. Stundenlang könnte ich weiter mit Annu durch der Wald stampfen und Flechten sammeln… ein Gersten Risotto mit Flechten flirrt durch meinen Kopf. Ich spüre es genau – die nordische Küche ist zum Greifen nah.

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Adressen

Schlafen
Långvik Congress Wellness Hotel: www.langvik.fi
Hawkhill Nature Cottages: www.hawkhill.fi
Essen
Café St. Honoré www.sthonore.fi
Aktivitäten 
Apfelwein probieren und kaufen: www.ciderberg.fi
Waldtouren und Outdoor cooking: www.greenwindow.fi
das nachhaltigste Natur Museum: www.haltia.com

Die Reise wurde unterstützt von Visit Finnland, Visit Espoo, Visit Lohja und Visit Helsinki. Herzlichen Dank dafür. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.

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