4. November 2013

Indien, oder die Ruhe finden im Meer der Farben, Menschen und Rindviecher – ein Reisebericht aus Goa

Indien, Goa, kulinarische Reisen | 7 Kommentare

GoaTempleNach annähernd einer Woche in Goa bin ich meinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Gelassenheit. Nach der zweiten Woche bin ich angekommen. Mit der stoischen Ruhe eines indischen Rindviechs bewege ich mich durch den Verkehr und über die Märkte. Blende alles aus. Die Zurufe, das Gehupe, die Abgase auf den Straßen. Wenn es zu viel wird, kann ich ans Meer fahren.  Mache ich auch, aber noch lieber erkunde ich die Märkte und begebe mich ins Gewusel. Bei 35° klebt meine Kameratasche am T-Shirt und dieses an meinem Körper fest. Auf meinem Gesicht liegt ein klebriger Film aus Sonnencreme und Staub. Plötzlich bin ich eingehüllt in den Duft von frischem Koriander, dann schlägt mir der Geruch von getrocknetem Fisch entgegen um sofort danach in den süßlichen Duft von angewelkten Blumen über zu gehen.

Indien erschlägt mich. Ich werde gezogen, geschoben, tauche ein in die Massen und verschwinde wieder, schwinge mich auf den Roller, düse über die holprigen Straßen, immer darauf bedacht, die Schlaglöcher, Bodenwellen und plötzlich ausscherenden, allgegenwärtigen Kühe zu umfahren.

Atme dann tief ein wenn ich auf einen Hügel fahre, dort weht meist ein leichter Wind, schaue auf sattes Grün, getränkt von der Regenzeit.

Ich bin in Goa und vermeide all jene Plätze, die trotz erst anlaufender Saison bereits von den Touristen überschwemmt werden. Kein Hotel, nur kleine Guesthouses. Das klappt, wenn man weiß, wohin man muss. Nach vier Besuchen, habe ich sie gefunden. Meine Fluchten. Vier Besuche in denen ich immer wieder aufs Neue aufschreien wollte, weg wollte, es mir zuviel war und ich immer an jenen Punkt kam, wo ein Lächeln alles ist, was mich all dem näher bringt, wo ich den herrlich trockenen Humor der Inder genieße und ich mit einem geöffneten Herzen wieder zurück komme.

Besondere, gehobene Kulinarik sucht man vergebens, teure Restaurants sind nicht der Mühe wert besucht zu werden. Auch dieses Mal lerne ich diese Lektion erneut. Wie immer war der Cache komplett geleert, was frühere Erinnerungen an ähnliche Unterfangen hätten lehren sollen.

Nach zwei Wochen schmeckt jedes Curry gleich. Fast. Zwischen das Einheits-Masala drängen sich ein paar neue Entdeckungen wie frisch gepresster Zuckerrohrsaft. Gekühlt ist er das Großartigste, was ich seit langem probiert habe. Aromen von Zitronengras und frischem Heu. Oder ein geröstetes schwarzes Dal Bukhara. Ein cremiges Linsengericht, das selten auf einer Karte auftaucht. Die schwarzen Linsen werden mindestens 24 Stunden über dem Tandoori-Ofen geköchelt und mit frischem Rahm serviert.

Oder einfach nur Fisch. In Goa ist es eine Spezialität, diesen in einer knusprig, bröseligen Panade, die nach Zitrone und Gewürzen schmeckt, zu servieren. Rava, nennen sie diese Zubereitungsart. Dazu gibt es meist ein frisches Koriander-Minz-Chutney. Wer wissen will, wie das funktioniert, der schaue hier.

Abends setze ich mich ans Meer, starre wie alle auf die untergehende Sonne und trinke ein kühles King Fischer Bier. Es ist kurz vor Diwali, den großen mehrtägigen  Fest im Hindukalender, dem Lichtfest und die Inder trinken fröhlich mit. Ich treffe andere Reisende aus Deutschland und England. Zusammen unternehmen wir eine Tour zu den zweithöchsten Wasserfällen Indiens. Die liegen mitten im Nirgendwo und sind mit einem echten Off-Road Jeep Erlebnis zu entdecken. Ich klettere also über Steine und durch Bäche, freue mich über ordentliche Trekking Sandalen und schmunzle über die unbedarften Russinnen, von denen mehr als eine ihre Perlen-Flip-Flops beim Durchqueren der Bäche den Wassern opfern.

Ich ziehe weiter an kleinere Strände im Süden. Fast an die Grenze zu Karnathaka. Die Nächte werden klarer, der Dunst der Regenzeit löst sich langsam auf und gibt die Sterne wieder frei. Die Rückreise rückt immer näher. Ein letztes Mal kaufe ich mir fettige, scharfe Schmalzkringel. Am letzten Tag sitze ich im Schatten und warte auf das Taxi. Ein Gecko scheisst mir zum Abschied auf die Schulter .

Und ich weiß genau, dass irgendwann wieder, vielleicht in ein paar Jahren, dieses Gefühl in mir nagen wird und ich hierher kommen muss. In dieses Wirrwarr, das mich trotz allem ruhiger macht als alles Yoga dieser Welt.

bitter gourds and Fish Market Mapusa Fruits and Herbs of India

 

Goan Food sugarCane People on Goan Markets India Fabrics Goa Bar King Fisher Nature and Gardens Patnem Beach

Ein paar persönliche Reisetipps für Goa:SundownGoa

D’Mellos Guesthouse, Candolim dort ein Zimmer mit Meeresblick
Over the Flames Restaurant, Calangute – bestes schwarzes Dal ever!
Freitags Markt in Mapusa (dort war der Zuckerrohrsaft am leckersten)
Morjim Beach – leerer, weiter Strand im Norden
Cupids Castle Guesthouse, Palolem
Patnem Beach, ruhiger kleinerer Strand im Süden

 

7 Kommentare

  1. Wow, das ist ja ein toller Reisebericht, liebe Claudia! Man merkt, dass Du die Gegen schon gut kennst und Schwerpunkte setzt, toll. Fisch mit Koriander-Chutney und schwarzes Dal mir Rahm – das klingt köstlich und trägt bestimmt mit zu der großen Gelassenheit bei, von der Du schreibst. Deine Fotos sind einfach großartig und wirken sehr authentisch – Du hast Stimmungen eingefangen, die einen beim Betrachten sofort nach Goa versetzen… Vielen Dank für diese tolle digitale Kurzreise!

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  2. Ein wunderbarer Reisebericht, herrlich, vielen Dank dafür! Meine erste Indienreise liegt schon ein paar Jahre zurück und trotzdem weiß auch ich, dass ich nochmal dort hin muss, in ein paar Jahren vielleicht 🙂

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  3. Danke für’s Mitnehmen – irgendwann muss ich hin. Bis dahin hätte ich bitte gerne einmal Dal Bukhara und ganz viele von den bunten Stoffen.

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  4. Mir hats südlich von Goa weit besser gefallen als in entlang der goanischen Küste – vielleicht sogar zum nochmal besuchen. Aber dann kombiniert mit einem Schlenker durch Rajasthan. Ob die Menus dort oben auch auf russisch geschrieben sind?

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  5. Habe deinen Bericht mit großer Freude gelesen, wunderschöne Bilder und Wörter 🙂

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    • Danke Dir, liebe Verena (und auch allen anderen, die ihr so lieb geschrieben habt).
      Es ist schön, wenn es einem gelingt, etwas von der Reise zu vermitteln.
      liebe Grüße
      Claudia

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  1. Fernweh-Freitag: Kaffee, Kunst und Kitsch | Frau Lehmann - [...] eine Weile her, aber immer noch schön: Claudia von Dinner um Acht hat einen Reisebericht über Goa geschrieben mit…

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