10. Juli 2015

Freunde, zur Sonne, zum Schinken – die Reise ins Friaul

Italien, Friaul, kulinarische Reisen | 2 Kommentare

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Ich fliege nach Italien, genauer gesagt nach Triest. Das ist ein geradezu lächerlich kurzer Hopser über die Alpen von München aus. Kaum ist die Flughöhe erreicht, sind die Ohren auch schon wieder damit beschäftigt den Druck auszugleichen, denn die Landung naht.
Ich bin eingeladen in die Region Friuli Venezia Giulia, genauer gesagt nach Udine und San Daniele. Es geht um Schinken und das Schinkenfest. Jenem Schinken, der neben dem Parma Schinken, der größte Exportschlager Italiens ist. San Daniele widmet ihm ein Fest.
In glücklicher Vorfreude ziehe ich meinen geräumigen Koffer (ich weiß genau warum – er ist auch nur halb beladen) vom Gepäckband und sauge die sonnige Luft in mir auf. Bongiorno Italia, es tut gut, wieder hier zu sein.
Die Fahrt nach Udine ist kurz. Für die nächsten drei Nächte wird dies meine Home Base sein. Ein kleines familiäres Hotel mit so überwältigend freundlichen Menschen, dass ich mich gleich wohl fühle. Nix Schickes, ein bisschen dünne Wände, doch ich werde bestimmt nicht so schnell mehr ein so liebevolles Frühstück bekommen wie hier.

Spilimbergo und die kleinen Steinchen

Noch nie gehört, noch nie da gewesen und ich bin sicherlich nicht die einzige, der es so geht. Und auch wenn ich zielstrebig auf die nächste verlockende Konfiserie drauf los steuere, so ist es doch erst einmal der Dom, den es zu besichtigen gilt. Immer wenn ich in diesen ehrwürdigen italienischen Kirchen stehe, ziehen Bilder aus dem Film „der Name der Rose“ durch meinen Kopf. Nirgendwo sonst auf der Welt finde ich Kirchen so beeindruckend, so berührend, wie in Italien. Kaum habe ich die Kirche verlassen, blicke ich hoffnungsvoll in Richtung der Gelateria. Jetzt, ja! In Gedanken komponiere ich mir schon meinen ersten Eisbecher zusammen. Vielleicht Mango, auf jeden Fall Straciatella, oder doch lieber Fiore di Latte?
Nichts von alledem. Der berühmtesten Mosaikschule der Welt muss der Vortritt gewährt werden. Ich vergesse das kleine Kind in mir, das trotzig nach einem Eis schreit, denn das hier ist spannend. Welche unendliche Geduld ist von Nöten um solche Kunstwerke zu schaffen, wie sie hier an den Wänden, dem Boden, ja sogar auf den Toiletten zu sehen ist. Steinchen klopfen, Steinchen zu einem Bild komponieren, modern und in klassischer Tradition. Eine Künstlerin komponiert verwaschenes Holz mit verschieden roten Steinen. Der Boden schimmert. Man ist hier stolz auf diese Tradition. Und das zu Recht.
Dann endlich bekomme ich ein Eis. Grazie Dio!

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Die Wiege der Reben

Ich habe mir noch nie die Frage gestellt, woher eigentlich die Reben kommen, die egal wo auf der Welt, seien es autochtone Trauben oder die Riesling und Cabernet Trauben, angebaut werden und aus denen so wunderbarer Wein gemacht wird. Hier kommen sie zum Beispiel her. Hier entstand nach dem ersten Weltkrieg, in einer Zeit, in der viele Menschen nicht unbedingt zuerst an Wein dachten, das Unternehmen VCR (Vivai Cooperativi Rauscedo), deren Ziel es war und noch immer ist, Rebstöcke zu ziehen, zu klonen und auch durch Kreuzungen die Reben widerstandsfähiger zu machen. Es gibt Niederlassungen in der ganzen Welt. Die kleinen Rebstöckchen werden hier aufgezogen, ihre Wurzeln in Wachs getaucht und dann machen sie sich in Paketen auf die Reise in die ganze Welt. Jede Reihe steht für eine andere Traube, eine andere Charge. Um ihr Verhalten weiter zu testen ist hier die niedlichste, kleinste Kelteranlage aufgebaut, die ich je gesehen habe. Wo auf Weingütern große Stahltanks stehen, sind diese Stahltanks nicht größer als die Trommel meiner Waschmaschine. Nicht ohne einen gewissen Stolz serviert uns Firmenchef Eugenio Sartori einige seiner Tropfen. Ich bin immer noch kritisch, wittere ich doch hinter jede Ecke, wo Kreuzung, Züchtung und Optimierung drauf steht, den unheilvollen Einfluss jener multinationalen Konzerne, gegen die ich immer wieder auf die Straße gehe. Doch all meine bohrenden Fragen bekommen Antworten, die keinen solchen Rückschluss zulassen. Na dann Prost! Wer also je mit dem Gedanken spielen sollte, sich seinen eigenen Weinberg aufzubauen – hier ist er an der richtigen Adresse.

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Prosciutto, Schinken, Festlichkeiten

Die Tatsache, dass fast jeder San Daniele Schinken kennt, lässt den Schluss zu, dass das allein mengenmäßig mit kleinen Manufakturen, wo die opulenten Schinken vor sich hin reifen, nicht zu schaffen ist. Es mag sie vielleicht geben, diese kleinen Hersteller, doch was die Welt will, ist San Daniele Schinken in rauen Mengen. Und das heißt Schinkenfabrik. Aus ganz Europa werden die Keulen angeliefert, wo sie in schier endlos langen Regalen, riesigen Kühlhäusern und Wärmeräumen, die so groß wie ein Fußballfeld sind, ihrer Vollendung entgegen reifen. Überall der Geruch nach würzigem Schinken. Doch – ich darf ihn nicht einmal berühren. Eingekleidet in ein Wegwerf-Kittelchen und mit desinfizierten Schuhen, darf ich den Schinken nur anschmachten. All diese lieblichen Keulen, diese wohlriechenden Prachtstücke nur zum Anschauen. Ich leide. Ich will Schinken. Sofort.

Und dann bin ich endlich in San Daniele. In einer halben Stunde soll das Schinkenfest offiziell eröffnet werden. Die Straßen des überschaubaren Örtchens füllen sich. Überall sind Stände aufgebaut, die ersten haben sich zu einem frischen, kühlen Bier zusammengefunden. So ein Bier wäre jetzt schon was Feines. Oder doch lieber die alt-ehrwürdige Bibliothek besuchen? Ich entscheide mich für das Bier, suche mir einen schönen Platz im Schatten und beobachte die Menschen. Nicht viele, die sich als Touristen zu erkennen geben. Ich bin natürlich sofort als solche erkennbar, habe ich doch ständig eine große Kamera in der Hand und schleppe noch dazu eine große Handtasche mit (eine solche, in der ein Schinken problemlos Platz gehabt hätte – wohl gemerkt, hätte).
Immer mehr Menschen strömen heran, kaum einer ohne eine Platte mit fein aufgeschnittenem Schinken, und kurz darauf wird das Fest eröffnet. Dann hole auch ich mir meinen ersten Schinken. Wickle ihn um Grissinis und schiebe eines nach dem anderen in den Mund. Wunderbar – der Lohn für die lustvolle Qual, die mir der Besuch in der Schinkenfabrik beschert hat. So – jetzt bin ich endlich angekommen. Im Schinkenhimmel.

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Ausflug ans Meer, Fischmarkt und ein Tanz im Regen

Am nächsten Morgen schlendere ich durch die Gassen Udines in Richtung Markt. Markt ist immer etwas, was meine umtriebige Seele auf Reisen braucht. Der Anblick von Zucchiniblüten, opulenten Auberginen und Tomaten wirkt wie Balsam auf mein Gemüt. Und natürlich der frische Fisch. Den gibt es in Hülle und Fülle. Und wäre da nicht die Tatsache, dass ich erst in 36 Stunden wieder zuhause in meiner Küche bin, würde ich hemmungslos diese großartigen Fische und Meeresfrüchte kaufen. Jetzt kochen… wie wunderbar wäre das. Stattdessen trinke ich einen Café und esse ein Hörnchen.
Ich will ans Meer und was gibt es Spannenderes, als dies mit dem öffentlichen Linienbus zu tun. Der braucht knappe 2 Stunden für annährend 45 Kilometer. Und so falte ich meine für italienische Linienbusse viel zu langen Beine in eine der Sitzreihen, es ist wunderbar kühl hier, und fahre durch jedes Kaff bis endlich die Küste und Grado erreicht sind. In Grado muss man kein italienisch können, hier sprechen die meisten deutsch. Die schlauen Möwen lauern auf jeden Happen der auf dem Tisch steht, doch endlich bin ich am Meer. Laufe die Strandpromenade entlang und bin glücklich. Meer. Der kleine Ort ist erstaunlich entspannt und nachdem um die Mittagszeit an eventuelle Einkäufe ohnehin nicht zu denken ist, suche ich mir ein lauschiges Plätzchen in einer Loungebar direkt an der Strandpromenade. Trinke Gingerino auf Eis und starre auf die Wellen. Ach Italien, denke ich, du bist schon wirklich grandios.
Im Bus zurück streiten sich zwei Deutsche, sie sind erzürnt, dass ausgerecht der freundliche Busfahrer, wohl der einzige Mensch im Umkreis von 5 Kilometernist , der kein Deutsch spricht und sie nicht versteht. Keiner kommt ihnen zu Hilfe, ich wechsle Blicke mit einer anderen Dame, die eindeutig ebenfalls Deutsche ist, wir ducken uns weg. Jetzt, in diesem Moment sind wir durch und durch Italienerinnen. Si, si…
Bevor ich Udine erreiche, zieht ein Gewitter auf. Platzregen und weit und breit kein Taxi in Sicht. Ein überaus guter Zeitpunkt für „singing in the rain“ beschließe ich und laufe den ganzen Weg zurück ins Hotel. Über weite menschenleere Plätze, der Himmel erstrahlt in einem grünen Licht, die Paläste spiegeln sich auf den Pflastersteinen. Das ist der Moment, wo es sich anfühlt, als habe ich die Stadt ganz für mich allein. Ich sehe aus wie die nasse Katze im Film „Frühstück bei Tiffany“, als ich eine kleine Bar betrete. Extra für mich räumt der junge Kellner nur die eine Seite der Tische unter den Torbögen nach innen. Er will eigentlich schließen. Stattdessen bringt er mir ein Glas Wein. Es ist einfacher Rotwein, doch in diesem Moment der großartigste Wein der Welt. Meine Füße quietschen in den Schuhen und ich beobachte fasziniert die Choreografie des Regens auf den großen Platz.
In diesem Moment gehört Udine ganz mir allein.
So vieles, was ich noch gerne gesehen hätte, Amaro wollte ich noch kaufen, doch am nächsten Tag fliege ich bereits zurück.
Udine und die schönen Dörfer drum herum haben mich nicht zum letzten Mal gesehen.

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Adressen

Essen
– San Daniele Schinkenfest   www.ariadifriuliveneziagiulia.it/de/
– Beste Pitina (lokale Wurstspezialität) und Küche aus dem Kräutergarten: Al Belvedere, Via Odorico 54, 33094 Sequals (PN) www.albelvedere.it
– Ristorante la Taverna (1 Michelin Stern), Piazza Castello, 233010 Colloredo di Monte Albano http://www.ristorantelataverna.it/
– La Torre, Piazza Castello 8, 33097 Spilimbergo (PN) www.ristorantelatorre.net

Schlafen
Hotel Suite Inn, Udine www.hotelsuiteinn-udine.com

Shoppen
Fisch- und Gemüsemarkt Udine, Samstags, Piazza XX Settembre
Messer kaufen unbedingt in Maniago, die Hochburg der italienischen Messerkunst, viel preiswerter als hier.

Und noch mehr kulinarische Infos gibt es hier: http://www.turismofvg.it/Gastronomie-und-Wein

Ich danke der Fremdenverkehrsamt von Friaul Julisch Venetien für diese schöne Reise.

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2 Kommentare

  1. Spilimbergo liebe ich.
    Durch das erste Bild des Schlosses wurde ich inspiriert deinen Beitrag zu lesen.
    Super !!!
    Ich fahre schon über 33 Jahre in diese Gegend, da die Großeltern meines Mannes aus Friaul stammen. Sie hatten ein Haus in der Nähe des Schlosses und wir durften dort immer Urlaub machen.
    Danke für deine tolle Seite

    Antworten
    • Vielen lieben Dank, Chris.
      Ich stelle mir gerade vor, wie wunderbar es sein muss, dort ein Haus zu haben.
      Das waren bestimmt sehr schöne Tage.
      Herzlichst,
      Claudia

      Antworten

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