über den Rausch, die Wüste blühen zu sehen
Dies ist kein kulinarischer Bericht. In diesem Bericht kommt Essen eigentlich überhaupt nicht vor. Das war ausnahmsweise auch mal nicht der Fokus. Ich wollte in die Wüste. Dort, wo nachts der Sternenhimmel leuchtet, wo bizarre Steinformationen die staubigen Wanderwege säumen und wo sich Stille über die Weite legt. Und wo Anfang März die Wüste blüht.
Allein in der Wüste zu sein, das war der Plan. Also mietete ich mir eine möglichst abgelegene Hütte, die nur über eine Sandpiste zu erreichen war. Ich setzte große Hoffnungen darauf, dass zumindest ein Toaster zur Küchenausstattung gehören möge, kaufte mir jede Menge Kimchi, Käse, Joghurt und Müsli. Auch eine Flasche Wein und eine Packung Nudeln wanderten in den Einkaufskorb. Erfahrungsgemäß sind die Messer in so einer Unterkunft immer stumpf, also wollte ich von vornherein vermeiden, irgendetwas zu schneiden. Am dritten Abend gönnte ich mir immerhin eine Pizza im nächsten Ort (12 km entfernt) und die war sogar ganz gut.
Alles, was ich wollte, war das pure Wüsten-Feeling. Und einmal sehen, wie die Wüste im Frühling blüht.
a cabin in the desert
„Am besten kommst du mit einem Allradantrieb. Der Weg zur Cabin kann tückisch sein“, stand es einen Tag vor der Ankunft in der Wegbeschreibung. Nun, ich habe keinen Allradantrieb, ich fahre eine stinknormale Limousine. Aber – ich kann fahren. Zugegeben, Blitzeis und schmale Serpentinen bereiten mir ein mulmiges Gefühl, aber eine Sandpiste – Kinderspiel (ich bin ja so eine Angeberin). Ich muss so denken, denn sonst bekomme ich vielleicht noch Schiss, wenn ich im Dunklen den Highway verlasse und mich durch vermeintlich unwegsames Gelände kämpfen muss. Wie sich jedoch herausstellte, war das mit dem Allrad ein wenig übertrieben: Zickzack und sandige Mulden vermeiden und schon war ich da. Easy.
Die Hütte besteht nur aus einem Raum mit einem separaten Badezimmer und einer großen Veranda. Perfekt. Ich stelle den Koffer ab, packe das Nötigste aus und setze mich auf die Veranda. Um die Schultern lege ich mir eine Decke, denn nachts wird es kalt in der Wüste. Ganz besonders Mitte März. Ich sitze einfach nur da und schaue in den Sternenhimmel und ertappe mich dabei, dass ich anfange, Satelliten zu zählen wie ich es auch schon in Südafrika gemacht habe. Ich hatte gehofft, es würde sein, wie damals in den Rocky Mountains, wo ich auf über 1000 Meter Höhe die Milchstraße, wie einen Spiralnebel über mir sah. Ganz so war es dann doch nicht. Aber es waren unendlich viele Sterne.
Der Nationalpark Joshua Tree
Das Besondere am Joshua Tree National Park sind seine – wie der Name schon vermuten lässt –Joshua Trees. Eigentlich sind es Yucca Palmen und wenn man es genau nimmt, sind die verwandt mit Spargel. Also rein theoretisch, bin ich hier umgeben von einem Vertreter der Spargelfamilie. Der Joshua Tree heißt botanisch Yucca brevifolia und gehört zur Familie Asparagaceae, also zur den Spargelgewächsen. Innerhalb dieser Familie sitzt Yucca in der Unterfamilie Agavoideae — also bei den Agavenverwandten. Soviel zur Botanik.
1994 wurde der bis dahin als National Monument geführte Teil der Mojave und der Sonora Wüste zum Nationalpark erklärt. Typisch für den Park sind nicht nur die Joshua Trees, sondern auch die surrealen Granitfelsen, die wie von Riesen aufgetürmt wirken. Sie entstanden durch geologische Prozesse, Verwitterung, Wind und gelegentliche heftige Regenfälle — daher dieses fast skulpturale, außerirdische Landschaftsbild.
Der Eintritt über einen der drei Zugänge kostet 30$ und das Ticket ist sieben Tage gültig. An einem Tag fahre ich früh morgens hin, dann wieder zurück zu meiner Hütte und ein weiteres Mal zum Sonnenuntergang. Was absolut spektakulär ist an dem Park ist, dass er so sauber ist. Nirgends liegt auch nur ein Stück Papier oder eine Plastikflasche. Wie sie es schaffen, diesen Park so sauber zu halten, ist mir ein Rätsel oder die Besucher sind tatsächlich über alle Maßen diszipliniert, dass sie wie ich, der Natur ehrfürchtig begegnen und sie nicht zumüllen.
Der beste Platz für den Sonnenuntergang ist Keys View. Kurz bevor die Sonne untergeht ist fast kein Parkplatz mehr zu bekommen. Die Leute kommen in Scharen und schauen der Sonne zu, wie sie hinter den San Bernadino Mountains versinkt. Es ist windig und schnell sinken die Temperaturen. Aber es ist eben auch spektakulär. Hoch über dem Coachella Valley kann man den Salton Sea sehen und die San Andreas Verwerfung.
Der Himmel verfärbt sich von Orange zu Lila zu Tiefblau. Im letzten Licht des Tages wirken die Joshuas Trees wie Wächter der Wüste, die mit ausgebreiteten Armen die Nacht begrüßen. Zum ersten Mal wünsche ich mir eine Sitzheizung, denn nach dem Sonnenuntergangsspektakel bin ich ordentlich durchgefroren. Was gäbe ich jetzt für einen Tee mit Rum.
Wandern im Park
Ich bin keine leidenschaftliche Wandererin. War ich nie. Aber die Landschaft hier hat es mir angetan. Ich liebe diese Wüste. Ich freue mich über die Kakteen mit ihren purpur schimmernden Stacheln, verfolge verzückt einen winzigen Vogel, der in einem der knorrigen Bäume sitzt und lausche einfach nur der Stille. Das ist für mich das Magische an der Wüste – man hört einfach so gut wie nichts. Jetzt, Mitte März sind auch nur wenige Besucher hier. Ich suche mir kurze Trails aus, nur so 2 -3 Kilometer, das reicht mir meist, denn ich gehe nicht schnell. Ich will jeden Millimeter in mir aufsaugen. Perfekt für so eine kleine Wanderung ist der Hidden Trail. Kurz und eindrucksvoll. Manchmal aber laufe ich auch einfach nur bis zum nächsten Felsen, suche mir eine große glatte Stelle und lege mich darauf. Noch kann man das tun. Im Sommer wäre das sicherlich so, als lege man sich freiwillig auf einen Grill.
Die blühende Wüste
Wüstenblumen – überall sehe ich Blumen in den schönsten Farben. Leuchtendes Lila oder Orange. Die Joshua Trees treiben große weiße Blütenstände aus. Manche der Blumen am Boden sind winzig klein, manche der Größeren wirken einsam, weil sie als Solitair blühen. Selbst die Cholla Kakteen treiben kleine unscheinbare Blüten aus. Manchmal setze ich mich einfach neben eine Blüte und betrachte sie nur. Nie würde ich auf Idee kommen, eine zu pflücken. Warum auch? Lieber schnuppere ich an ihr nur um festzustellen, dass sie nach rein gar nichts riecht. Hinzukommt, dass wo Blüten sind, lange fiese Dornen oft nicht weit sind. Die kleinen Schönheiten werden beschützt. Vor was auch immer. Ich jedenfalls bin keine Gefahr für sie. Ich muss daran denken, dass manche Samen oftmals jahrelang in der Erde warten, bis sie zu blühen beginnen. Als ich vor einer weiten Fläche mit lauter kleinen gelben Blumen zwischen sandigen Felsen stehe, fühle ich mich sehr, sehr glücklich, dass ich das sehen darf.
Nachts im Park
Im Park ist es dann noch ein bisschen dunkler als um meine Hütte rum, wo in einiger Entfernung noch ein paar Häuser stehen und der Ort Joshua Tree etwa 10 Kilometer entfernt ist. Noch habe ich die Hoffnung auf einen Blick auf die Milchstraße nicht aufgegeben. Es ist stockdunkel um mich herum und ich muss daran denken, dass jetzt vermutlich der Zeitpunkt der Jäger um mich herum ist. Der Wüstenspinnen. Aber ich sitze ja im Auto und starre in den Nachthimmel, bis mir der Nacken wehtut. Draußen bin ich Opfer der Mücken, wie die in die Wüste kommen, ist mir schleierhaft. Lästige Biester.
Doch zu keinem Zeitpunkt fühle ich mich hier unwohl, so ganz allein nachts im Nationalpark.
Und dann, zur Feier meines letzten Abends in der Wüste, gehe ich eine Pizza essen. Ich fühle mich in dem lebhaften Restaurant fast unwohler, als allein in der Wüste. Ich fremdle ein wenig nach all der Stille den ganzen Tag über. Das geht zum Glück schnell vorbei, trotzdem bin ich irgendwie froh, wieder meine Hütte zu erreichen. Ich habe keine Ahnung, was so eine Hütte in der Wüste kostet aber würde ich in LA leben, so würde ich alles dafür geben, eine solche zu besitzen. Aber vielleicht war es ja nur die Magie, die einem ergreift, wenn man so eine Stille nicht gewöhnt ist. Mich hat sie berührt. Ich würde jederzeit wieder hinfahren.
Mehr Info für Sternegucker: Stargazing
und noch ein paar Tipps zum Park
Im Park hat man keinen Handyempfang. Wer sich also vorher die besten Ziele auf Google Maps einrichtet, wird feststellen, dass es innerhalb des Park keinen Nutzen hat. Deshalb sollte man sich vorher die NPS App herunterladen, die einem hilft, sich zurechtzufinden. Praktischerweise erhält man mit dem Eintritt auch eine Karte des Parks, was der Orientierung sehr zuträglich ist.
Unter der Woche ist ruhiger als am Wochenende, aber das dürfte eh klar sein.
Im Park gibt es 515 Plätze, wo man campen darf. Allerdings sollte man das auf gar keinen Fall dem Zufall überlassen und muss vorher einen Platz buchen.
Drohnen sind komplett verboten. Wer sich nicht daran hält, kann eine empfindliche Strafe bekommen. Besser nicht darauf ankommen lassen.
und weiter geht es im nächsten Bericht zu San Diego. Der letzten Station meines California Roadtrips.





































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