watermelonradish

Ich habe New York geliebt und ich habe es gehasst. Beides mit leidenschaftlicher Intensität, wobei die Liebe immer wieder überhand genommen hat. Diese Stadt ist gewaltig, überaltert, ihre Gehsteige sind prädestiniert dafür sich den Knöchel zu verstauchen und sie ist immer wieder aufs Neue überraschend. Wie mein Auge, das sich heute auf andere Dinge richtet als noch vor zwanzig Jahren, kommt es mit so vor, als ob mich aus diesem Moloch immer wieder etwas Neues, Glänzendes anspringt. Und, wen wundert’s, diesmal waren es Gemüse. In Sachen jungem Kohl, Blättchen und Sprossen liegen die hier ganz weit vorne. Habe ich doch gerade mal bei uns auf dem Markt junge Brennnesseln entdeckt, liegen hier ganze Batterien von zarten Blättchen unterschiedlichster Abstammung auf dem Greenmarket am Union Square.

Dean and Deluca, ein sicherer Garant für erstklassige Ware, jedoch jenen vorbehalten, die bei Preisen nicht unbedingt zimperlich sind, bietet junge Garbazo Bohnen. Ich habe noch nie von ihnen gehört. Japanische Süßkartoffeln finde ich hier und Watermelon Radish. Junge Farnknospen mit dem entzückenden Namen „Fiddlehead Fern“, die ein Aroma von Artischocken haben sollen. Ich bin ratlos. Nicht weil ich mögliche Einfuhrbestimmungen missachten könnte, ganz ehrlich, ich weiß nicht ob Deutschland ebenso rigoros verbietet Lebensmittel zu importieren, wie die Vereinigten Staaten. Ich stand in der Schlange vor der Einreisebehörde in den USA, vor mir hat ein vermutlich ein voll besetzter A380 aus China seine Passagiere ausgespuckt und jeder, wirklich jeder wurde gefragt, ob er Lebensmittel dabei habe. Fast war ich schon enttäuscht, dass man mir nicht diese Frage gestellt hat. Offensichtlich sind sie im Glauben, dass es bei uns nichts gibt, was nicht einfuhrwürdig und somit verboten wäre. Oder vermuten sie bei den chinesischen Touristen Tigerhoden und merkwürdig fermentierte Tierprodukte im Gepäck?

sweetpotatoandfiddlefern

 

Ich bin ratlos, ob es Sinn macht über etwas zu schreiben, was hier vermutlich keiner bekommen kann. Wen es wohl interessiert, wie etwas schmeckt, für das man so weit fliegen muss. Leser der Einfuhrbehörde mögen jetzt bitte beide Augen zudrücken, sollte ich gegen irgendwelche Regeln verstoßen haben, und  ich bitte all jene, nur noch mit ihren Geschmacksnerven weiterlesen. Ich konnte nicht anders, als die Süßkartoffeln mitzubringen. Ich musste wissen, wie diese Rettiche und Farnknospen schmecken.

japanesesweetpotatoe

Sie schmecken köstlich diese Süßkartoffeln. Gewaschen und in mundgerechte Stücke zerteilt, gönnte ich ihnen ein heißes Bad aus Mirin, Sojasauce, dunkler Sesamsauce und Ahornsirup. Nur mit ein paar Frühlingszwiebeln bestreut. Der Watermelon Radish wurde mit den Farnknospen und etwas grünem Spargel in einer Pfanne mit  einem guten Esslöffel Butter, Zucker und Salz gegart. Mehr nicht. Mehr wäre auch falsch gewesen.

spargelmitfiddlefern

Von den Artischocken, die angeblich den Geschmack des Farn bereichern sollen, habe ich wenig geschmeckt, stattdessen war es eine subtile grüne Note, grasig und doch nicht diese leicht bitter-herbe Note, die Gras oftmals hat. Frisch und knackig.

Und während ich dies nun schreibe, lauert irgendwo in mir schon die Ahnung, dass ich die Erinnerung an diesen feinen Geschmack so schnell nicht mehr loswerde. Denn wie das mit den Knospen ja so ist – sie wachsen und das vor allem schnell. Ich suche im Netz danach und erfahre, dass sie seit Jahrhunderten in der nordfranzösischen Küche einen festen Stellenwert besitzen.  Da musste ich also erst so weit fliegen um etwas zu finden, was seinen Ursprung in der alten Welt hat.

Ich will sofort in den Wald und nach den jungen Knospen suchen, da lese ich weiter, dass die meisten Vertreter der Farne giftig sind. Warum kann es nicht einfacher sein?

 

13 Kommentare

  1. Wunderschöne Fotos und ein toller Gemüse-Reise-Bericht! Vor allem die Farnknospen sehen ja herrlich aus (sofern das die kleinen eindrehten Schnecken sind?)!

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    • Ja genau das sind sie. Bin froh, dass die zarten Schönheiten den weiten Weg überstanden haben. LG, Claudia

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  2. Hat geklappt mit dem Kommentieren, Claudia, ich muss es nur immer freigeben. Vielen Dank dir!

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  3. Dein Bericht weckt Erinnerungen an meine Zeit in Boston, da habe ich auch so herrlich neues Gemüse entdeckt (ehm, also wörtlich gemeint…): weiße Auberginen, kleine knallgelbe Zucchini, grüne Tomaten….
    In der Feinkostabteilung beim Kaufhof gibt’s übrigens eine recht gute Auswahl dieses „exotischen“ Gemüses (leider nicht so günstig…ähnlich teuer wie bei Dean ans Deluca).

    Schöner Blog, gefällt mir gut!

    Gruß aus Köln,
    Julia

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    • Schön, wenn man hier auch Ausgefallenes bekommt. Ab und zu kann man sich ja mal was gönnen. LG, Claudia

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  4. Essen von Reisen mitbringen kann doch gar nicht verrückt sein 😉 Als ich letzten Herbst in Mexiko war, war ich auch froh, dass sie mich nur bei der Einreise nach Lebensmitteln durchleuchtet haben…

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  5. Ich kenn diese Farnknospen nur von meinem Desktop-Hintergrund 🙂 Das man die auch essen kann, wusste ich nicht, also bitte: Mehr davon!

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    • Freut mich, dass dir und den anderen das so gut gefällt. Und bestätigt mich in meiner Vermutung, dass ich nicht ganz irre bin, Gemüse im Koffer mitzubringen (Ich vermute mal, im Frachtraum wurde es gut kühl gehalten)
      Liebe Grüße
      Claudia

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  6. Das sind ja Schmuckstückchen an Gemüse!

    Damit hast du bei mir bereits die Lizenz zum halbkriminellen (?) Schmuggeln!

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    • 😉 Nennen wir es einfach mal „heilige Mission“..

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    • Ermuntert mich nur alle! 😉 Wenn ich das nächste Mal am Flughafen ankomme, dann stehen die Zöllner da schon mit umgebundenem Lätzchen und warten auf mich…

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  7. Nein ich finde es super, dass du darüber schreibst, auch wenns sie hier nicht gibt…und du hast es hervorragend beschriieben! 😉

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  8. ich liebe das wie du schreibst 😀 „mit den Geschmacksnerven weiterlesen“.. finde ich sehr spannend. in Boston war ich auch total überwältigt von der Vielfalt gerade der „roots“.. toll. mehr davon hier finde ich! und wenn wir es importieren müssen 😉

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