Die Tage vor dem Festival strahlt der Himmel über Boston in leuchtendem Blau. Die Temperaturen sind mild. Doch das kann sich an der Küste bekanntlich schnell ändern. Und die Prognosen für den Samstag, den ersten Tag des Austernfestivals waren gemischt. „Fahrt auf jeden Fall früh hin, denn vor den Brücken nach Cape Cod staut es sich immer am Wochenende“, lautete der gutgemeinte Rat. An diesem Wochenende staut sich nichts. Es gießt in Strömen. Zwar soll es im Laufe des Tages besser werden, aber man weiß ja nie. Am Meer kann sich das schnell ändern.
Und überhaupt – warum fährt man auf ein Austernfestival, wenn man Austern eigentlich gar nicht mag? Vielleicht hätte ich es sausen lassen, wegen dem Regen und eben wegen der Austern, aber ich wollte unbedingt nach Cape Cod. Der Mietwagen war schon lange gebucht und die Tickets für das Festival gekauft. Und außerdem gibt es ja bestimmt nicht nur Austern, so meine Hoffnung. Ich spekulierte dabei auf eine New England Clam Chowder oder eine Lobster Roll, die allein schon Trigger genug sind, eine zweistündige Anreise von Boston in Kauf zu nehmen.
Kurz nach acht Uhr morgens – eine kommode Uhrzeit, wo einem ausnahmsweisen Mal der Jetlag entgegenkommt – stehe ich bei der Autovermietung. Ich habe das günstigste Angebot genommen, ein „Mystery Car“. Keine Ahnung, was ich also gleich bekommen werde. Es wird ein Mini-Van. Ein Mini-Van für zwei Personen. Da hätte locker noch eine Fußballmannschaft mit reingepasst.
Vermutlich haben viele ihren Wunsch, am Wochenende nach Cape Cod zu fahren angesichts des Wetters verworfen, denn Stau gibt es auf der ganzen Strecke nicht. Und weil alles so flüssig läuft machen wir noch einen Stopp in Catham. Niedliches kleines Städtchen, wo es gute Bagels und Kaffee gibt. Es gibt natürlich auch jede Menge Souvenir-Shops, doch ich habe mich bereits entschieden, dass ich kein Geschirrtuch oder Topflappen mit kleinen Hummern drauf brauche. Allerdings ein Kochbuch. Über Seafood natürlich.
Weiter geht’s nach Wellfleet. Wellfleet ist berühmt für seine Bauhaus Villen, doch so wirklich auf dem Weg liegt keine davon. Mit dem Parken beim Festival ist das nicht so einfach. Entweder man parkt weit weg und nimmt den Shuttlebus, oder man verhilft all jenen, die ihre Privatparkplätze an diesen zwei Tagen zum Parken für 20$ oder 30$ anbieten (je näher desto teurer, eh klar), sich eine goldene Nase zu verdienen. Wir entscheiden uns für die 20$-Option.
Aufs ins Getümmel
Kurz nach 12:00 Uhr mittags ist es auf dem Festival bereits brechend voll. Trotz leichtem Nieselregen ist die Stimmung entspannt und fröhlich. Überall gibt es Hinweise, man möge doch bitte die Schalen der Austern in die speziell dafür vorgesehenen Behälter entsorgen, da es sich hier um kostbare Rohstoffe handelt, die man verwerten kann. Guter Punkt. Kenne ich schon aus Frankreich, wo man die Austernschalen im Straßenbau einsetzt.
Meine Rechnung geht jedenfalls auf. Es gibt Clam Chowder. Und sie schmeckt umwerfend. Zartes Aroma der Muscheln und genau richtig flüssig. Nicht zu mehlig sondern angenehm würzig und samtig. Und grandiose Schwertfischwürstchen. Auch die Fishcakes schmecken hervorragend.
Um von einer Seite des Areals auf die andere zu kommen, muss man sich durch die vielen Menschen hindurchschlängeln. So manche Runde um einen Stehtisch meint es durchaus ernst mit dem Feiern der Auster. Hier türmen sich kleine Berge von Austernschalen und der Eindruck drängt sich auf, es gäbe ein Wettrennen zwischen den Tischen nach dem Motto „wer schafft mehr?“. Allein beim Anschauen fühle ich schon den Proteinschock. Doch es geht erstmal weiter zu den Lobster Rolls. Die sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Sogar die „Roll“, das Brötchen, ist gut. Leicht knuspriger Briocheteig. Eigentlich eine Schande, so was im Stehen zu essen, denke ich, doch irgendwie ist es auch cool, hier unter Gleichgesinnten hemmungslos zu schlemmen. Außerdem kostet so eine Lobster Roll hier „nur“ 23$. Im Restaurant bezahlt man eher 35$ dafür.
Wer noch etwas Süßes haben möchte – und etwas sehr Außergewöhnliches – der kauft sich noch Cookies in Form einer Auster. Handbemalt und nur hier zu bekommen.
Mit einsetzender Dämmerung ist es vorbei
Um 17:00 Uhr ist Schluss. Dann wird aufgeräumt und es geht am nächsten Tag wieder weiter. Ein Tipp übrigens für alle die ganz nah am Festival parken möchten – die Methodistenkirche vermietet an diesem Tag auch ihr Parkplätze. Für 20$ und näher geht es wirklich nicht. Aber die Anzahl der Plätze ist begrenzt.
Es tut gut, nach all dem leckeren Seafood noch einen kleinen Spaziergang durch das Marschland zu machen. Jetzt im Herbst färbt es sich golden. Und wenn man schon mal auf Cape Cod ist, kann man auch noch Providence besuchen, da wo all die Fähren vom Festland anlegen. Und wem der kleine Ort zu voll ist, der fährt noch ein Stück weiter an den Strand. Und zum Sonnenuntergang zieht die Regenfront dann auch ab. Hätte sie ruhig früher machen können. Aber so ist das eben am Meer.
Wellfleet Oysterfest
jedes Jahr Mitte Oktober in Wellfleet auf Cape Cod




















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