28. November 2011

Der Fluch der Essiggürkchen oder warum Kindheits-Lieblingsgerichte unverwüstlich sind

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Ich kenne niemanden, der nicht mindestens ein Gericht mit seiner Kindheit verbindet. Etwas Besonderes, was Mama oder vielleicht die Oma nur an Sonntagen gekocht hat. Man freute sich darauf, es stand wochenlang auf der Wunschliste und diesen Geschmack tragen wir bis heute in uns. Die Sehnsucht nach diesem einen besonderen Gericht, welches in uns Bilder zaubert, die lange zurückliegen. Eines haben diese Gerichte alle gemeinsam, sei es nun Kaiserschmarrn, Kartoffelsuppe oder Frankfurter Kranz, den es nur zum Geburttag gab – keiner, und damit meine ich wirklich niemanden, nicht mal der tollste Sternekoch, kann jemals ihren Standard erreichen.

In meinem Fall sind es Mamas Rouladen. Klassisch mit Senf, Speck und Gürkchen in einer dunklen Sauce mit Kartoffelbrei und grünen Bohnen. Schön lange geschmort, bis das Fleisch fast zerbröselt. Und genau dieses Essen habe ich mir für dieses Wochenende gewünscht. Bereits bei der Vorstellung, begannen meine Speicheldrüsen im Mund zu arbeiten.

Mama kocht für mich Rouladen! Perfekt. Besser geht’s nicht. Ich musste nur noch alles notwendige dazu einkaufen. Dabei machte ich die merkwürdige Entdeckung, dass 880gr Rouladenfleisch beim Metzger ein ganz schlechter Deal sind, denn für 2 Scheiben mehr, was knapp 200gr entspricht, bezahlte ich nur 4 Cent mehr. Kilopreis. Muss man erst mal drauf kommen. Ich hatte es mir verkniffen zu fragen, ob es danach noch mal einen Staffelpreis gibt, von wegen einfrieren und so. Konservierter Genuss sozusagen.

Schwer beladen (mit einer Flasche Rotwein kommt ja man nicht weit, wenn ein Teil in der Soße verschwindet), machte ich mich mit meinen Tüten auf den Heimweg, als ich mitten in der Fußgängerzone zuerst einen Ruck an meinem Arm spürte, dann alles leicht wurde und der Inhalt der Plastiktüte auf dem Boden lag. Das Glas der Gürkchen zersplittert, das Brot schwamm in Essigsauce und überall lagen die Gürkchen. Meine Rouladengürkchen! Demütig stellte ich also die andere Tasche ab, sammelte alles auf, trocknete das Brot ab, presste alles andere in die zweite Tasche und warf den Rest in die nächste Mülltonne. Nicht ohne dafür den mitleidigen Blick eines Ponys einzufangen, welches warum auch immer neben einem Menschen mit einer Sammeldose stand. Glotz nicht Pony, das waren gerade die ganz besonderen Gurken für mein Leibgericht! Ich spürte, wie eine dumpfe Wut in mir hoch kroch. Nochmal zurück gehen und ein weiteres Glas kaufen, kam angesichts der Schwere der anderen Tasche, schon mal nicht in Frage. Doch auch für dieses Dilemma gab es eine Lösung, welche hieß, dass meine Mutter selbst auf dem Heimweg ein Glas besorgen wollte. Gerettet!

Fairerweise teilten wir uns die Küchenaufgaben. Ich bekam natürlich die niederen Dienste aufgetragen, wie Bohnen schnippeln, Suppengrün hacken und Kartoffeln kochen, meine Mutter kümmerte sich um die Rouladen. Zwiebeln wurden kleingehackt und zusammen mit leicht geräuchertem Speck angebraten, die Fleischscheiben ausgiebig geklopft, schließlich sollten die Nachbarn auch was davon haben, und mit Senf bestrichen. Gewickelt, eingeschnürt und dann scharf angebraten, mit Rotwein abgelöscht um schließlich eingebettet in Gemüse und Fond zu schmoren. Der Geruch war wunderbar.

Ich war schon fast fertig mit den Bohnen und dem Kartoffelbrei, die Rouladen schmorten bereits seit zwei Stunden, als ein Ausruf des Entsetzens durch die Küche hallte. Vor Schreck fiel mir fast der Topfdeckel aus der Hand.

Die Gürkchen!

Das standen sie. Unschuldig und unberührt und auf jeden Fall nicht da, wo sie eigentlich sein sollten. Im Inneren der Rouladen nämlich. Sie lauerten in ihrem Glas, als wäre nichts passiert. Als wäre nicht gerade mal eben fast die Welt untergegangen, weil ein so wichtiger Bestandteil meines Lieblingsgerichts fehlte. Rouladen ohne Gürkchen! Ein Drama. Und das wo doch schon ihre Vorgänger die Steinplatten der Fußgängerzone zierten und Ersatz erst im allerletzten Moment beschafft werden konnte! So lange habe ich auf diese absolut perfekten Rouladen gewartet, Rouladen, die einfach mehr sind, als einfach nur gerolltes und geschmortes Fleisch. Sie sind ein Gedicht, eine Ode an die schönsten Sonntage meiner Kindheit. Diese Rouladen waren gürkchenfrei! Meine Mutter war fassungslos. Da war es. Das Grauen, welches jedem Koch irgendwann einmal begegnet, welches das Blut in den Adern gefrieren lässt. 

Solange bis wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Diesen verfluchten Gürkchen sollte es nicht gelingen, unsere Freude zu schmälern. Niemals!

Ich schlug vor, sie einfach klein geschnitten in die Sauce zu geben. Essiggürkchensauce eben. Totaler Tabubruch sozusagen.

Die Augen meiner Mutter sprachen Bände, so arg war es ihr, dass sie sie vergessen hatte.

Doch – es waren die allerbesten Rouladen, die ich je bekommen habe. Besser noch, als all meine Erinnerungen daran. Sie waren so verdammt lecker, mürbe und würzig, dass es völlig egal war, ob die Gürkchen nun drin waren oder nicht. Die Sauce machte alles wieder wett.

Denn das Schöne an diesen Kindheitsgeschmackserinnerungen ist ja, dass eben nichts in der Welt ihnen jemals etwas anhaben könnte.

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