Bornholm – im Keramik Himmel

Auf dem Weg zum Flughafen habe ich das erste Schild gesehen – „Keramik“ – und bei diesem Wort erhöhte sich der Puls. Es war spät, alles war bereits geschlossen, doch mir war klar, dass ich jede freie Minute der nächsten Tage damit verbringen würde, nach neuen Tellern und Schüsseln zu suchen. Natürlich besitze ich mehr als genug davon, immerhin habe ich es problemlos geschafft mein gesamtes Kochbuch durch zu fotografieren ohne auch nur zweimal das gleiche Teil zu verwenden. Vielleicht kann dies nur jemand verstehen, der ähnlich tickt. Keramik ist etwas Wunderschönes. Auf Iriomote, der südlichsten Insel Japans, umarmte ich fast einen Töpfer, so berauscht war ich von seinen Kreationen. Ich schleppte, ich zahlte Übergepäck, ich kaufte noch mehr und brachte alles sicher nach München. In den sozialen Medien folge ich diversen Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen und als sogar die New York Times mehrere Artikel über die besten Keramikmacher der Welt veröffentlichte, zückte ich bereits den Stift, um mir alle Adressen aufzuschreiben. Eine dieser Adressen war auf Bornholm. Hier ist das Atelier von lov i listed. Kaum dass ich wusste, dass ich hierher reisen würde, bedrängte ich schon die Tourismusbehörde Bornholms, ob sie mir einen Termin vereinbaren könne. Egal wann und zu welcher Tageszeit.

Im Herzen von Lov i Listed

Ich habe Glück, an meinem letzten Tag auf Bornholm darf ich Susanne und Torben, die beiden sympathischen Menschen hinter der Marke im kleinen Ort Listed besuchen. Sie sind gerade aus dem Urlaub zurück, zwei Wochen waren sie in Schweden. Das Haus mit dem kleinen Laden zur Straße hin ist unscheinbar. Es ist leer und ruhig, kaum vorstellbar, dass sich im Sommer, wenn der Laden einmal in der Woche geöffnet hat (Samstags), sich die Menschen in langen Schlangen davor drängen. Manchmal bis zu 50 Meter.
Ich stehe vor dem geschlossenen Laden, ein wenig von ihrer Keramik liegt in der Auslage, die Regale sind weitgehend leer. Ich wähle die Telefonnummer, die das Fremdenverkehrsamt mir gegeben hat. Torben ist dran, er käme gleich raus um mich abzuholen.
Die beiden wohnen in einem 200 Jahre alten Farmhaus. Der Innenhof ist gepflastert, in der Einfahrt steht ein Oldtimer. In der wenigen Zeit, die Torben zwischen dem Töpfern hat, will er an ihm schrauben. Er fahre noch, meint er. Im hinteren Teil des Hauses befindet sich die Werkstatt, wo ich Susanne treffe. Sie entschuldigt sich, dass sie leider weg muss, ein Problem mit einem Zahn, aber sie hofft, es gehe schnell, so dass sie mich noch mal sehen könnte. Ich bin überwältigt hier zu sein, erkläre ich und atme den sanften Duft von Ton ein. Um mich herum in den Regalen viel Gebranntes und Ungebranntes. Auf dem großen Tisch im lichtdurchfluteten Atelier stehen etliche Teller, manche davon sind mit schwarzen Edding bemalt. „Das sind die Entwürfe für Nicolai Nørregaard, dem Küchenchef des Restaurants Kadeau (zum Bericht über das Kadeau hier entlang)“, erzählt Torben. Nørregaard besuche sie ein- oder zweimal im Jahr, um die Teller für die Gerichte zu besprechen. Hier eine größere Fahne, dort eine breitere Vertiefung. Es soll genau abgestimmt sein auf das, was er seinen Gästen servieren möchte.


Nachdem Torben mir seine Brennöfen gezeigt hat, lädt er mich ein, mit ihm einen Tee zu trinken. Wie das denn so war, als plötzlich die New York Times über ihn berichtet habe, will ich wissen. Er lacht. Es sei ja schon vorher so gewesen, dass er gar nicht alles machen kann, was die Welt von ihm haben will. Da ist auf einmal Japan, das seine Keramik importieren möchte, die Amerikaner sowieso. Ständig bekomme er Anfragen, die er ablehnen muss. Denn – Torben macht alles selbst. Mehr als 1000 Teile fertigt er im Jahr. Mehr geht einfach nicht. Oft arbeitet er sieben Tage in der Woche. Warum keine Helfer, will ich wissen. Er wehrt ab. Nein, das wolle er nicht. Solange er das noch machen kann, will er es auch selbst machen. Torben ist frei von Eitelkeit, dass er so berühmt ist macht ihn zwar stolz, aber er würde für noch mehr Präsenz und Ruhm nicht das aufgeben, was ihm wichtig ist. Und das ist beispielsweise das Halten von Töpferkursen an der hiesigen VHS. Er möchte seine Erfahrung und sein Wissen weitergeben. Seit er 2010 seinen ersten Teller gemacht hat, arbeitet er immer mit dem gleichen Ton. Er experimentiert mit den Glasuren, brennt oft mehrmals für das passende Ergebnis. Während er erzählt, schiebe ich einen drängenden Gedanken immer wieder zur Seite. Wie soll ich ihn nur fragen? Wie bekomme ich etwas von seiner Keramik, jetzt, wo doch schon alles geschlossen ist und sie laut ihrer Homepage damit beschäftigt sind, die noch offenen Aufträge abzuarbeiten? Die Frage liegt mir schon auf der Zunge. Ich will nicht anmaßend erscheinen, wo ich doch weiß, dass es nicht einfach ist, etwas von seiner Keramik zu bekommen (weil – nur tausend Teile). Ich frage trotzdem. Natürlich, lacht er. Für dich habe ich was. Ob ich denn so einen schwarzen Teller haben könne, so einen, wie das Kadeau sie hat. Na klar, kannst du.
Wir gehen in den annährend leeren Laden. Ich schaue ihm zu, wie er einen Teller aus dem Regal nimmt und ihn sorgfältig verpackt. Dann greift er unter den Tisch und holt mehrere Schalen und Becher hervor. „Die sind nicht perfekt, haben vielleicht an der einen oder anderen Stelle einen kleinen Lackschaden, aber für deine Fotos ist das doch egal, oder?“ Ich schnappe nach Luft. „Die sind wundervoll“, antworte ich und kann nicht aufhören ihn anzustrahlen. „Dann sollst du sie haben“. Er muss es mir angesehen haben. Mir fehlen die Worte. Danke, Torben. Ich umarme ihn.
Noch Stunden später sitze ich im Auto und lächle vor mich hin. Was für ein wunderbarer Mensch!

(c) lov i listed

Adresse:
lov i listed
Hans Tygesensvej 27
3740 Svaneke
info@lovilisted.dk
www.lovilisted.dk

Noch mehr schöne Keramik

natürlich gibt noch viel mehr Töpfer auf der Insel, die ganze Insel ist ein Paradies für Töpfer. Ich habe beispielsweise ganz wunderbare schwarze Keramikschalen bei Penille Bülow in Svaneke gekauft. Die sind im Rahmen eines sozialen Projekts entstanden. Morten Ledskov aus Bornholm engagiert sich seit mehr als 20 Jahren in Ghana und brachte so auch eines Tages die Künstlerin Penille Bülow (Mutter des bekannten Lakritz-Herstellers) nach Ghana. Sie lehrte dort Keramik zu machen. Und verkauft nun diese schlichten, schönen Schalen in ihrem Laden.

www.pernillebulow.dk

Hinweis: die Reise nach Bornholm wurde unterstützt von visitdenmark.de. Sie sind nicht schuld an meiner Passion für schöne Keramik. Im Gegenteil – sie haben sie aufs Wunderbarste genährt. Danke!

 

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5 Responses to Bornholm – im Keramik Himmel

  1. Christina S. 24. Oktober, 2017 at 19:34 #

    ja, von dem Fischmarkt habe ich gelesen. Den möchte ich auf jeden Fall besuchen, denn wenn ich mich recht erinnere, soll er ab dem 30.04.2018 komplett umgestaltet werden.
    Mit Kyoto habe ich mich bisher wenig auseinandergesetzt und habe gerade durchs Googeln erfahren, was sich hinter Nishiki verbirgt. Zum Glück hast du rechtzeitig erwähnt, dass Keramik in Tokyo schwierig ist, so dass ich nun weiß, dass ich dort nichts auf Biegen und Brechen kaufen muss, weil ja eben Kyoto die zweite Etappe meiner Reise ist.
    Da ich ab Tokyo zurückfliege, werde ich nach Kyoto nochmal für zwei Nächte nach Tokyo zurückkehren, damit die Rückreise nicht ganz so lang wird. Ab Kyoto kann man ja nicht direkt nach Düsseldorf fliegen. Nur ab Osaka nach Haneda. Von dort aus müsste ich zusehen, wie ich nach Narita komme. Das ist mir für die Rückreise zu viel Action.
    Okinawa hatte ich bisher nicht auf dem Plan. Aber das werde ich mir mal anschauen.
    Von den Antenna-Shops habe ich auch schon gelesen, doch ich muss gerade noch mal nachschauen, was sich dahinter verbirgt, denn das habe ich schon wieder vergessen… 🙂

    Liebe Grüße, Christina

  2. Christina S. 23. Oktober, 2017 at 19:51 #

    ein sehr schöner und aufschlussreicher Bericht. Ohne diesen hätte es wahrscheinlich noch lange gedauert, bis dass ich auf Bornholm und seine Keramik-Manufakturen aufmerksam geworden wäre. Nun wird mich eine meiner nächsten Reisen nach Bornholm führen. Gemeinsam mit meiner dänischen Freundin. Die übrigens auch nichts von Bornholm und seinen zahlreichen Manufakturen wusste.
    Aber zunächst steht Japan an…

    • Dinner um Acht 23. Oktober, 2017 at 20:24 #

      Oh Japan! Ebenfalls eine wunderbare Adresse für Keramik. Wo genau geht es hin?
      Liebe Grüße
      Claudia

      • Christina S. 23. Oktober, 2017 at 20:49 #

        ich plane eine Woche Tokyo und eine Woche Kyoto. Den Flug habe ich heute gebucht.
        Zum Glück hat man bei den japanischen Airlines 2x23kg Freigepäck. Doch ich habe Zweifel, dass das ausreicht. Ich glaube, in deinem Buch „Miso“ hattest du geschrieben, dass du mit Übergepäck aus Japan zurückgekehrt bist… Mich wird vermutlich das gleiche Schicksal treffen…
        Wir sind doch echt bekloppt 🙂

        Liebe Grüße
        Christina

        • Dinner um Acht 24. Oktober, 2017 at 10:08 #

          Sind wir. Und das ist gut so.
          Es ist einfach zu schön dort. Märkte in Tokio und Kyoto sind klar? Tshukiji und Nishiki? Antenna Shops in Tokio (wichtig). Keramik in Tokio ist schwierig, da habe ich eher in Kyoto was gefunden und auf dem Land. Solltest du also einen Abstecher in die Sonne nach Okinawa planen, dann geb ich dir da gerne einen Tipp. Hach, beneide dich ein wenig…
          liebe Grüße
          Claudia

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