Turin leuchtet!
oder warum es sich lohnt, auf dem Salone del Gusto für eine bessere Welt zu schlemmen

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Ihr da oben in der ISS, konntet ihr es sehen? Dieses glückliche Funkeln, das sich über Turin immer weiter in die Höhe hob? Ich müsst es gesehen haben, dieses Leuchten. Angefeuert von tausenden Menschen, alle beseelt von dem Bewahren der kulinarischen Vielfalt, den schier nicht enden wollenden Entdeckungen und dem Genuss. Fünf Tage lang schwappte dieses mitreißende Gefühl durch die Straßen dieser wunderschönen Stadt, zwei Tage lang ließ ich mich davon mittreiben. Der Grund? Der Salone del Gusto – der Markt des guten Geschmacks – der Slow Food Organisation. Slow Food haben viele schon mal gehört. Das ist das mit der Rückbesinnung und Bewahrung von traditionellen Produkten, artgerechter Tierhaltung und dem Schutz vor dem Supermarkt-Einheitsgemüse. Aber es ist noch viel mehr. Mehr als nur die Gegenbewegung zu globalisiertem Fast Food. In diesen Tagen war ich ein Teil von dieser Organisation. Was sich anhören mag wie ein Erweckungserlebnis aus den Tagen von Puuna, wo Sanyassins in roten und weißen Gewändern um ihren Guru herumtanzten, ist nicht weniger als ein Gefühl, das ich mit tausenden Menschen dort geteilt habe. Ein Gefühl, wie wichtig es ist, diese Werte zu erhalten. Ich habe mit Ziegenfarmern aus Albanien gesprochen, mich durch die Welt der Schinken, Würste und Nüssen gekostet, habe frisch geraspelten Wasabi probiert und großartiges Bier mit Trüffeln getrunken. Und ich habe mich am Stolz dieser Menschen auf ihre Erzeugnisse berauscht. Vielmehr noch als an den Produkten selbst. Es war die Leidenschaft und die Begeisterung, die diesen Rausch immerfort nährten.
7.000 Delegierte aus 143 Ländern, 300 Slow Food Presidi und 1.000 Lebensmittelgemeinschaften des Terra Madre Netzwerks aus fünf Kontinenten haben auf einer schier nicht enden wollenden Fläche im Valentino Park ihre Zelte aufgebaut und ihre Erzeugnisse mitgebracht. Sie alle und die umwerfende Menge an Besuchern eint der Wunsch, das gegenwärtige Lebensmittelsystem besser zu machen. 143 Länder – wer jetzt zitternde Hände bei der Vorstellung von so einer überwältigenden Vielfalt an Lebensmitteln bekommt, dem kann ich nur euphorisch zurufen – das ist noch längst nicht alles!

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Wir alle wollen eine bessere Welt

Neben dem Markt stehen vor allem die Konferenzen im Mittelpunkt. Da diskutieren die besten Küchenchefs aus Frankreich, Italien und Albanien darüber, welchen Einfluss die Sterne Gastronomie auf die Erzeuger haben kann und haben sollte. Die berühmte Alice Waters motiviert zum eigenen Garten und die Probleme der Flüchtlingskrise werden unter dem Aspekt der Landwirtschaft diskutiert. Es geht um Landraub, Großkonzerne und ihrem monströsen Einfluss auf die Bauern. Da spricht ein Farmer aus Burkina Faso mit einem Universitätsprofessor und einer Schauspielerin. Und alle hören zu.
Nicht immer klappt alles perfekt mit der Synchronübersetzung, manchmal entstehen Pausen, aber ich habe mit Spannung den Vortrag der Küchenchefs verfolgt.

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Genuss für alle

Auch wenn der Salone del Gusto in erster Linie ein großes Fest ist und die Mission dabei oftmals in den Hintergrund gedrängt wird, ist es die Leidenschaft für gutes Essen, was über allem steht. In der Innenstadt ziehen die „Fressbuden“ die Menschenmengen geradezu magisch an. Vergesst alle mal ganz schnell alles, was euch einfällt, wenn ihr an Streetfood denkt. Was hier angeboten wird, ist sensationell. Ich koste kleine Brandteigkugeln mit einem Tatar von edlen Rindern aus der Maremma, lasse mir einzigartigen Lardo (Speck) und Ziegenkäse ,in einer Baumrinde gereift, auf der Zunge zergehen, und probiere auch den achthundertdreiundzwanzigsten Schinken (ok, gefühlt). Und damit sind wir noch nicht einmal beim Wein und sonstigen Flüssigkeiten angekommen. Für Wein gibt es eine ganz eigene Location mit hunderten Weinen aus der ganzen Welt. Und Bier – Bier habe ich noch gar nicht erwähnt. Es scheint, als habe die Craftbeer Bewegung auch den letzten Winkel dieser Erde erfasst. Eine wundervolle Vielfalt! Eine aus der ich nie wieder auftauchen möchte.

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Amaro Amore

Ich habe mich wieder in Amaro verliebt. Diesen Kräuteraperitif aus Italien. Wäre da nicht dieser hinderliche Flugtarif gewesen, wegen dem ich nur mit Handgepäck unterwegs war, ich hätte so zugeschlagen, dass es gekracht hätte. So habe ich ihn nur probiert. Schwelgte in den Aromen von Kräutern und Orangen, die so bittersüß schmecken, wie eine Liebe eben schmecken sollte. Zu sehen, wie stolz die Macher dieses köstlichen Amaros waren, wie ihre Augen strahlten, als ich ihn lobte, war noch viel kostbarer, als alle Kräuter und Orangen dieser Welt. Ich werde emotional. Ich kann es nicht verhindern. Es war einfach so.

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Und sonst so

In alten Trambahnen bin ich durch die Stadt gefahren, habe am Ufer des Flusses gesessen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, habe die Lichter der nächtlichen Stadt und die Menschenmassen genossen. Ja genau – ich habe mich selten unter so so vielen Menschen wohler gefühlt als hier. Ich habe ein traditionelles Piemonteser Gericht mit Innereien vom Huhn gegessen und Steinpilze mit Schnecken verzehrt. Am zweiten Morgen in einer merkwürdigen Espresso Bar meinen Café getrunken, wo gerade lautstark gepokert wurde. Und ich hätte wetten können, dass hier einige Jahre Knast versammelt waren. Eine mafiöse Gänsehaut zog sich über den Rücken. Vielleicht habe ich es mir aber auch nur eingebildet. Das Viertel, in dem ich wohnte war nicht so prächtig, wie die Innenstadt und hatte dennoch einen unwiderstehlichen Charme.
Ich wollte nicht mehr weg aus Turin. Es war ein bisschen so als habe ich nur ein Häppchen bekommen und bin mit noch größerer Lust wieder nach Hause gefahren. Den Koffer voller Schinken, Käse (umwerfender Pecorino) und altem Essig (100ml, was eben das Flüssigkeitsgesetz erlaubt beim Fliegen).
Und habe als erstes zuhause meine Kräuter auf dem Balkon liebevoll gegossen und gestreichelt. Ich kann die Gedanken und all die Inspirationen aus Turin nicht besser festhalten, als mich um meinen eigenen Küchengarten zu kümmern und auf dem Bauernmarkt einzukaufen um die Vielfalt zu schützen.
Klingt irgendwie doch nach einem Erweckungserlebnis… ich werde es wiederholen. Nächstes Jahr.

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