[Shanghai Streetlife #1] wo Taxifahrer Schnulzen singen, essen auf der „Frühstücksstraße“ und eine spontane Tee Verkostung in der Tea City

Ich bin es gewohnt, dass ein Taxi anhält, sobald ich an der Straße meinen Arm hochhebe, doch nicht so hier in Shanghai. Aus mir unersichtlichen Gründen fahren die ersten fünf, wohlgemerkt leeren, Taxen erst einmal an mir vorbei. Dann endlich hält eines und ich darf einsteigen. Ich war vorgewarnt und habe die Adresse bereits in chinesischen Schriftzeichen auf meinem Handy-Display, schließlich kann ich nicht erwarten, dass die Taxifahrer hier Englisch sprechen. Jedoch entgegen allen Erfahrungen des geschätzten Bloggerkollegen von Trois Etoiles, ist die Fahrt (und auch die nächste und die übernächste) ein sanftes Unterfangen, weitab von halsbrecherischen Überholmanövern. Mein Adrenalin schießt nicht in die Höhe, vielmehr werde ich bereits bei meiner ersten Fahrt mit einer musikalischen Einlage unterhalten. Das tut der Fahrer natürlich nicht für mich – er will einfach mitsingen, egal ob ich hinten sitze oder nicht. Taxifahren in Shanghai ist günstig, selten kostet es mehr als acht Euro, um von einem Punkt zum nächsten zu kommen. Die ersten Tage logiere ich direkt an der zentralen Einkaufsstraße East Nanjing Road, unweit vom Bund, im Sofitel Hyland Hotel. Ein perfekter Ausgangspunkt, um den Bund und das Viertel zu erkunden. Hier werde ich auch mit dem Küchenchef eine Tour über die Märkte machen und mich von der Köchin Judy in der Hotelküche in die Kunst des Dim Sum Machens einweisen lassen. Die wunderbare Julia, Food&Beverage Managerin des Hauses wird ihren „Frühstücks-Geheimtipp“ mit mir teilen, doch eins nach dem anderen.
Die Eindrücke prasseln geradezu auf einen ein. Diese 20 Millionen-Stadt ist überhaupt nicht zu begreifen. Ich muss mich schrittweise annähern, wissend, dass wenn ich wieder nach hause fahre, nur einen Bruchteil davon gesehen haben werde. Schließlich bin ich nur eine Woche hier.

Kleine Gassen und kleine Märkte

Während sich auf der Nanjing Road die Massen bewegen, getrieben von den vielen Geschäften, sind es nur ein paar Schritte in eine der Seitengassen, und schon ist man in einer völlig anderen Welt. Winzige Teegeschäfte, kleine Märkte und manchmal auch nur ein kleiner Verschlag, wo auf der Straße die Dumplings, jene himmlischen kleinen Teigtäschchen, gewickelt werden. Hier sieht man so gut wie keine Touristen.

Absurdes und Unbekanntes

Wie wäre es mit einer Kröte zum Dinner? Kleinem Aal oder einer Ente (mit Kopf natürlich). Manchmal darf man hier nicht zimperlich sein. Auch das Aufhängen von Grillen in winzigen Körbchen ist immer noch beliebt. Es liegt mir fern über Traditionen in fremden Ländern zu urteilen. Aber ich freue mich, wenn ich Gemüse und Früchte entdecke, die ich nicht kenne.

Das allerbeste Frühstück der Stadt

Natürlich ist es der Stand mit der längsten Schlange. Es ist morgens 8:30 Uhr und bald werden die Läden auf der „Breakfast-Street“ wieder schließen. Einige davon haben bereits geschlossen, vielleicht weil es Samstag ist. „Du musst unbedingt diese Crêpes probieren“, meint Julia, die F&B Managerin des Sofitel. Unweit der belebten Nanjing Road duftet es nach frischem Brot, Dumplings und ab und zu weht der Geruch einer Durian Frucht an der Nase vorbei. Die Crêpes, von denen Julia spricht, werden aus hauchfeinem Teig zubereitet, darüber kommt verkleppertes Ei, knusprige Tofublätter, frische Kräuter und eine braune würzige Sauce, einer Hoisin Soße nicht unähnlich. Wer will, kann auch noch Wurst draufpacken. Schärfe ist auch bisschen mit dabei. Es schmeckt absolut göttlich, dieses Crêpe, nach Koriander und Schnittlauch, es ist kross und luftig. So gut, dass ich mich gerne auch zukünftig gerne einfach nur auf einen Bissen herbeamen möchte.

Die größte Ansammlung an Teegeschäften

Ich kenne sie ja bereits aus Taiwan, jene flachen, hübsch eingewickelten Fladen mit Pu Err Tee, der ja nicht so jedermanns Sache ist. Es gibt sie hier in allen Größen, die Kleinsten sind gerade mal daumennagelgroß und ausreichend für einen Aufguss. Blütentees, Oolongs und Grüntees, soweit mein Auge reicht. Ich bin zur Mittagszeit hier und kaum einer der Verkäufer interessiert sich für mich. Vielmehr sind sie mit ihrem Mittagessen beschäftigt, was mir ganz gelegen kommt, so kann ich ungestört am Tee schnuppern. Als ich in einem besonders hübschen Geschäft die Dosen bewundere, lädt mich der Verkäufer spontan ein, den Tee zu kosten. Diese einmalige Gelegenheit ist höchst willkommen, denn nun habe ich die Chance, die Zubereitung des Tees genau zu beobachten. Der erste Aufguss wird gar nicht getrunken sondern dient nur zum benetzen der Blätter und wird abgegossen. Erst der zweite Aufguss dient zum Trinken. Ich bin bereits bis zum Jahr 2011 vorgedrungen (Pu Err Tees werden nach Jahren verkauft, je älter desto teurer), als ein befreundetes Paar des Besitzers, sich mit dazu setzt und mittrinkt. Sie unterhalten sich lebhaft und auf mich wirkt es wie ein wohltuender Vorhang aus chinesischen Lauten. Er fällt über mich, hüllt mich ein und ich muss seiner Bedeutung keine Aufmerksamkeit schenken. Wir kosten uns bis ins Jahr 2002 durch. Und selbst ich, die Pu Err-Novizin in dieser Runde, bemerke einen Unterschied. Je älter der Tee wird, desto vielschichtiger wird er. Rauchnoten gesellen sich dazu, manchmal auch leicht säuerlich-erdige Noten.
Schließlich kaufe ich mehrere Dosen Tee. Am liebsten gleich noch so ein scharfes Werkzeug, um die Teefladen zu teilen, doch leider gehört es dem Besitzer.
Im nächsten Teeladen bietet mir ein älteres Ehepaar ein paar mir völlig unbekannte Früchte an. Schlimmer als Durian-Stinkfrucht kann es ja nicht werden, denke ich mir und greife zu. Und mache eine unglaubliche Entdeckung. Sie schmeckt wie eine Mischung aus Kirsche und Lychee. Die „Waxberry“, wie sie hier genannt wird, hat noch nie ihren Weg zu uns nach Deutschland gefunden und genau jetzt hat sie Saison. Eine herrliche Frucht. Gleich am nächsten Tag kaufe ich mir ein Körbchen davon.

Es wird Nacht am Bund

Kurz verschlägt es mir den Atem, als ich am ersten Abend nach einem Restaurantbesuch in der Nähe des Bunds, das Lichtermeer um mich herum entdecke. Magisch angezogen vom Licht laufe ich genau da hin, wo alle sind. Direkt auf der Promenade am Bund. Glitzernde Schiffe gleiten über das Wasser, monumentale, mit abertausenden LED Lämpchen erhellte Flächen auf den Wolkenkratzern am gegenüberliegenden Ufer leuchten in die Nacht, tausende Menschen, die das fotografieren. Und mittendrin stehe ich und staune. Über die Skyline, die Atmosphäre und diese atemberaubende Inszenierung. Eine Nacht am Bund darf man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen.

 

Hotelempfehlung:
Sofitel Hyland Shanghai (4*)
505 Nanjing Road East
200001 SHANGHAI
CHINA

Tianshan Tea City
520 Zhongshan Xi Lu Yuping Lu Changning

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2 Responses to [Shanghai Streetlife #1] wo Taxifahrer Schnulzen singen, essen auf der „Frühstücksstraße“ und eine spontane Tee Verkostung in der Tea City

  1. Julia 5. Juni, 2017 at 15:53 #

    Ich liebe Deine Reiseberichte! Nach dem Lesen habe ich immer schlimmstes Fernweh…

    • Claudia 7. Juni, 2017 at 13:56 #

      Vielen Dank, liebe Julia. Ich fürchte, das mit dem Fernweh kann ich dir in nächster Zeit nicht ersparen. Da kommen noch einige Berichte dazu. 😉

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