[Komagane] die erste Nacht in einem Ryokan, ein verzauberter Tempel im Wald und Miso ohne Ende

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Ob mir nicht doch ein Hotel lieber wäre, möchte die Dame, die sich um meine Unterkunft in Komagane kümmert, wissen. Ich betone, dass ich sehr gerne in einem Ryokan, einer traditionellen, japanischen Unterkunft meinen Aufenthalt in Komagane verbringen möchte. Vielleicht hat sie ja schon ein Grinsen im Gesicht, als sie mir die Buchungsbestätigung zuschickt. Mit dem schnellsten Shinkansen rausche ich von Kyoto nach Nagoya, steige dort in einen Highway Expressbus – grandioses Erlebnis diese Raststätten in Japan – und werde an einem Bushäuschen in Komagane abgesetzt. Ein Shuttle bringt mich in das Ryokan. Noch bin ich ganz entzückt, als ich unter den Stoffbahnen am Eingang den Weg zur Eingangstür, der gesäumt ist mit schönen Pflanzen, entlang laufe. Hier in Komagane, in der Präfektur Nagano, ist es eindeutig kühler als in Kyoto. Es liegt höher, um mich herum grüne Berge. Ab und zu ein leuchtend roter Fleck eines herbstlichen Ahorns.
Gleich am Eingang muss ich meine Schuhe ausziehen und bekomme die im Haus üblichen Schläppchen. Es wollen sich nur dummerweise keine in meiner Größe bei den Damenschuhen finden lassen. Macht ja nichts, laufe eh lieber in Strümpfen rum. Während mein Gepäck auf mein Zimmer gebracht wird, zeigt ein freundlicher Herr mir das Haus. Da gibt es das Abendessen und dort ist der Onsen, das heiße Bad. Dieses heiße Bad sollte ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen. Ich wollte schon immer mal in einem heißen Pool liegen und auf die japanischen Berge starren. In der Ecke habe ich auch noch einen Shiatsu Sessel entdeckt – mein Abend ist gerettet. Auffallend ist, dass ich den Altersdurchschnitt erheblich senke, offensichtlich sind Ryokans bei der jüngeren Bevölkerung eher uncool.
Und so teile ich mir mein Bad im Onsen mit zwei buckligen alten Frauen, die mich keines Blickes würdigen. Vielleicht macht man das ja so, wenn man schon nackt ist.
Das Abendessen jedenfalls ist ein Knaller, der mich sofort dafür entschädigt, dass ich mir in meinem Zimmer, das aus zwei Räumen besteht, bereits zweimal den Kopf an einem der niedrigen Türstöcke angehauen habe. Ich speise in einem separaten Raum, durch Schiebetüren von den anderen getrennt. Alle speisen hier en privée, das machen die also nicht nur für mich, damit sie nicht mit ansehen müssen, wie ich mich mit meinen Stäbchen anstelle. Man hat sogar eigens für mich die Karte übersetzt, dreizehn Gänge, alle in hübschen kleinen Schalen und Tellern. Sogar ein Grill steht auf dem Tisch. Ich gebe trotzdem mein Bestes mit den Stäbchen, bin ja kein Anfänger. Ich will sogar ganz profimäßig die Sobanudeln schlürfen, wobei das passiert, was immer passiert wenn ich das mache – ich verkleckere mich. Sieht ja keiner in meinem Privatkabinett..

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Im Uhrzeigersinn von links oben angefangen: rohes Kobefleisch mit Samthaubenpilzen und Zwiebeln, die über einer Flamme mit Dashi gegart werden; Tomaten-Tofu Paté mit Okra und eingemachten Gemüsen; süßer Miso-Sesam Lachs mit Kombu; Matcha Pudding und grüner Tee; Sake; herbstliche Misosuppe mit Enoki Pilzen und Kürbis; Schweinebauch und geschmorter Daikon Rettich; verschiedene Pickles, Algengelee mit Forellen Kaviar und verschiedene gebratene kleine Fische; gedünsteter Mangold mit fermentierten Auberginen in einer dicken Soja Sauce geschmort

Schlafe mein Kindchen, schlaf ein…..

An Schlaf ist nicht zu denken, wie ich da so auf dem Boden liege und an die Decke starre. Gnädigerweise haben sie mir schon zwei Tatamis übereinander gelegt, was jedoch nicht wirklich viel ausmacht, denn ich liege irgendwie trotzdem nur auf zwei dünnen Matten direkt auf dem Boden. Ich wollte es ja so haben. Jedesmal, wenn ich aufstehen muss (um mir wieder den Schädel am Türstock anzuhauen), krabble ich erst in eine kniende Position und stehe dann auf. Irgendwann kommt er dann doch der Schlaf, jedoch nur um sich zwei Stunden später wieder zu verabschieden. In diesen zwei Stunden hat sich jeder Knochen in meinem Körper gegen mich verschworen und jault lautstark auf. Ich verfluche diese Tatami… Im Schneidersitz hocke ich also da und überlege, was ich tun könnte, vielleicht ist da, wo dieses Tatami herkommt noch so eines… Ich inspiziere die Schränke und richtig, da liegen sie. Nicht eines sondern gleich mehrere. Ganze vier weitere Tatamis schichte ich auf meine beiden, so dass es annähernd den Charakter einer Matratze bekommt. Ich ärgere mich darüber, dass ich so ein Weichei bin, aber Schlaf ist nunmal wichtig. Vermutlich wird derjenige, der mein Zimmer am nächsten Morgen saubermacht, sich kaputtlachen über meine Schlafstätte. Zum ersten Mal bin ich dankbar, dass das Ryokan für die nächste Nacht ausgebucht ist und ich in ein Hotel ausweichen muss. Das Frühstück ist trotzdem spektakulär.

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Der Tempel im Wald

Wir kennen das hierzulande ja auch, dass manchmal an einer Landstraße so einer kleiner Obst- oder Kürbisstand auftaucht. Meist in ländlicher Umgebung. Direkt hundert Meter von meinem Ryokan entfernt gibt es auch so ein Obststand – nur viel größer. Davor ein großer Parkplatz mit zwei Reisebussen. Dazwischen gut gelaunte Rentner, die sich noch schnell mit etwas Proviant versorgen. Bevor ich den Grund für diesen Parkplatz und die vielen fröhlichen Rentner herausfinde, sind es erst einmal die Produkte, die mich hier anziehen. Süße Mochis, Miso, eingelegte Gemüse und Algen werden angeboten. Eine Dame reicht mir sehr fein gehackte knusprige Algen zum Probieren. Sie schmecken umwerfend. Voller Umami. Natürlich gelingt es mir weder die Sorte ausfindig zu machen, noch sonstige Informationen darüber zu bekommen. Es hilft alles nichts. Ich kaufe eine Packung. Irgendwer in Deutschland wird schon in der Lage sein, das für mich zu übersetzen. Ich habe Algen, ich habe Rettich, ich bin glücklich. Jetzt kann ich mich weiter umsehen. Die fröhlichen Rentner strömen mir entgegen, verschwinden in ihrem Bus und plötzlich stehe ich ganz allein am Waldrand. Ich folge den Schildern. Vorbei an verschiedenen hübschen kleinen Häusern, laufe ich tiefer in den Wald auf einen prächtigen Tempel zu. Kein Mensch außer mir ist noch hier. Das also ist der Grund für den Busparkplatz. Und jetzt, so kurz vor der Dämmerung, gehört das alles mir allein (gut, mir und zwei Angestellten, die alles absperren möchten). Es ist ein wahrlich mystischer Zauber, der sich hier in der heraufsteigenden Dunkelheit über den Wald legt. Kein Tempel, der mich je so berührt hat. Es heißt, das Moos an dem kleinen Bach neben mir, leuchte in der Dunkelheit. Noch ist es hell, aber es wirkt samtig grün. Wie verzaubert laufe ich durch die Anlage und genieße etwas, was wohl nur wenigen Menschen zuteilwird. Einen Tempel ganz ohne Touristen. Einfach ganz allein. Das ist magisch. Und ich nehme dies als gutes Omen, spende und verbeuge mich.

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Mochis (mit schwarzer Sesampaste, Bohnenpaste und süßem Kohl)

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Miso Country

Überall in Japan wird Miso, die fermentierte Sojabohnenpaste, hergestellt. Besonders beliebt ist jedoch die kühlere Bergregion. Hier darf ich zum ersten Mal eine Misofabrik besichtigen. Die meines Lieblings Miso Herstellers Hikari, den ich schon seit Jahren in Nürnberg auf der Biofach Messe besuche. Neben kleinen Manufakturen, will ich auch die industrielle Fertigung von Bio-Miso kennenlernen. Das ist der eigentliche Grund weswegen ich hier bin. Hier lerne ich jetzt alles über Sojabohnen, Koji und Reis. Ich lerne so viel, dass mir nach einem halben Tag der Kopf raucht. Und hier bekomme ich auch das, was ich brauche, um daheim mein eigenes Miso zu machen. Den Koji Pilz. Jenes grüne Pulver, das in gedämpftem Reis die Proteine aufspalten wird, welches aus Stärke Zucker machen wird. Aspargillus Oryzae.
Fortan mein größter Schatz im Koffer.

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die Vorstufe von Miso, alles was es jetzt noch braucht ist Zeit zum Fermentieren

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Miso – soweit das Auge reicht

Adressen:

Nakayama (Ryokan) ,35-6 Akaho, Komagane 399-4117, Nagano Präfektur

www.komagane-nakayama.com

Kozen-ji Tempel

 

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